Manch einer wird sich fragen warum beschäftige man sich mit dem Placeboeffekt? Das ist relativ einfach erklärt: Er liefert die Grundlagen und Erklärungsmodelle aller Therapieformen, gleich ob alternativer oder schulmedizinischer Natur und noch weit darüber hinaus.
Wenn man möchte lässt sich sogar in den ausgewerteten Veröffentlichungen die Hypothese aufstellen, dass jede Heilung "lediglich" auf dem Placeboeffekt beruht. Selbst schulmedizinisch betrachtet wirken Placebos auch bei Kleinkindern, Tieren, sogar bei Patienten, die nicht an einen Behandlungserfolg glauben und bei Krankheiten, die nicht eingebildet sind. Dagegen gibt es auch den Nocebo-Effekt. Das geht soweit, dass Placebo-Chemopatienten die Haare ausfallen. Unbestritten ist, dass homöopathische Mittel bei vielen Beschwerden helfen können, also wirksam sind. So liegen die Erfolgsraten bei Heuschnupfen bei 65-85%. Große Erfolgsraten (wissenschaftlich anerkannt) liegen auch bei Magengeschwüren, Schlaflosigkeit, Verstopfung, Angina pectoris und Migräne vor.
75% der niedergelassenen Ärzte verschreiben gelegentlich homöopathische Mittel. Alles Spinner? 90% der Patienten sind "Fans" von einer Außenseitermedizin. Roberts et al. fassten knapp 7000 Fallstudien zusammen, in denen bei völlig "wirkungslosen" Therapien das Heilungsergebnis bei 70% der Patienten ausgezeichnet oder gut war. Auch alles Spinner?
Die Schwierigkeit beginnt eigentlich mit der Unsicherheit in der Definition und seines Gültigkeitsbereiches, was den Placeboeffekt beschreiben könnte. Zum aktuellen Kenntnisstand der Wissenschaften, lässt sich keine eindeutige Ursache-Wirkung-Relation nachweisen. Gemeint ist oft eine Verbesserung ohne nachweisbarem Wirkstoff. Gleichzeitig gibt es grob Heilungsquoten zwischen 20 und 70%. Dies nicht nur bei medizinischen Agentien sondern auch bei Placebo-Operationen und Placebo-Akupunktur.
Die bisherigen Versuche die Ursachen des Placeboeffekts zu beschreiben, sind gescheitert. Er ist wohl in Gänze noch nicht erfasst worden, da zu vielschichtig. So gibt es mindestens psychologische Wirkungen (Konditionierung, Erwartung, Bedeutung) und biologische Wirkungen (Endorphine, Stressentstpannungsreaktionen).
Unter Berücksichtigung biologischer Varianz und Definitionslücken im
Verständnis der Placebowirkung können Heilungsquoten durchaus auch 100% betragen. Das
sollte doch Ziel eines jeden behandelnden Arztes sein oder?
Der Idealfall liegt vor, wenn gläubige Patienten von charismatischen Ärzten behandelt werden. Positiver formuliert werden die Heilungschancen erhöht, wird das (Placebo-)Präparat mit liebevoller Hinwendung verabreicht. Der Patient muss unbedingt mitbekommen, dass seine Krankheit behandelt wird. Placebos können auf fast jedes bekannte Symptom Einfluss nehmen, bei mindestens ein Drittel aller Patienten. Verallgemeinert kann man folgende "Wirkliste" zusammenstellen:
- eingenommene Medikamente bei denen die Patienten nicht wussten, dass es z.B. ein Schmerzmittel ist wirken deutlich schlechter als Placebos, welches die Patienten als Schmerzmittel eingenommen hatten
- Patienten, denen gesagt wird, dass keine Behandlung notwendig sei, haben ebenfalls hohe Erfolgschancen
- auch bei keiner eindeutigen Prognose, fühlen sich über 80% nach Erhalt eines Placebomedikaments besser.
- schöpft der Patient Hoffnung, regt er seine Selbstheilungskraft an
- wenn die Behandlung Eindruck macht, hilft sie besser (z.B. bunteren Pillen gegenüber weißen)
- je nach Krankheit ist der Unterschied bei der Wirkung zwischen Placebo und Präparat mit Wirkstoff relativ klein
- neurobiologisch nachgewiesen sind, dass Hoffnung und Vorstellungskraft messbar den Organismus beeinflussen
- die Erfolgschancen sind beeinflusst durch den Behandelnden, den Behandelten und dessen Umwelt
Schulwissenschaftliche Behandlungsmethoden gelten auch nur als "zugelassen", wenn sie gegenüber der "Placebo-Gruppe" signifikant höhere Wirkungen zeigen. Doch könnte man auch andersherum argumentieren, dass solange eine Wirksamkeit sich nicht alleine ohne den Placebo-Effekt eintritt, auch diese Therapien als reine Placebotherapie einzustufen sind.
Das Verständnis der Natur des Menschen verlangt von einem mehr als das wenig dimensionale mechanistische Bild. Auf ein Lebewesen wirkt pro Sekunde eine unglaubliche Menge von Signalen ein, externe wie interne. Jede Art von Einfluss hat eine Verstärkung oder Abschwächung des
Placeboeffektes - wie eine Funktionseinheit der Selbstheilungskräfte -
zur Folge hat. Die Omni-Placebotherapie postuliert dabei, dass jeder relevante Einfluss auf ein Lebewesen, auch das Bewusstsein des Lebewesens nachhaltig und irreversibel verändert. Das bedeutet vor allem, dass es eine untrennbare "Einheit" zwischen Körper und Geist gibt. Heilung kann nur erfolgen, wenn Leib und Seele ganzheitlich einbezogen wird.
Popp beschreibt trefflich den Versuch einer Heilung ohne den Placeboeffekt zu berücksichtigen ist wie der Versuch bei der Magnetisierung eines Eisenstückes lediglich den Nordpol erzeugen zu wollen. Die Hypothese, das Verum würde eine andere Art von Heilung bewirken als ein "Scheinmittel", lässt sich nicht belegen.
Problematisch stellen sich Versuche dar, die das Ziel haben einen wissenschaftlichen Beweis einer Überzufälligkeit zu beweisen. Denn solche Versuchsanordnungen haben eine Zerstörung der Spontanität des Probanden zur Folge und machen das Ergebnis unbrauchbar.
Der Philosoph Platon setzte schon vor 2500 Jahren auf die Worte, welche die Kraft besitzen Kranke zu heilen. Gleich ob "medizinische Lüge" oder die Wahrheit gesprochen. Ebenfalls stammt von ihm: "Das Heilkraut ist ein ganz bestimmtes Blatt. Aber zur Arznei gehört
auch ein Zauberspruch. Wer gesund werden will,
muss ihn aufsagen. Ohne Zauber ist das Blatt wirkungslos." Voltair sagte sarkastisch: "Die Kunst der Medizin besteht darin, den Patienten zu unterhalten, während die Natur seine Krankheit heilt."
Jede medizinische Behandlung enthält grundsätzlich zwei Komponenten: eine psychosoziale und eine physikalisch-chemische Botschaft, die sich direkt physiologisch auswirkt. Der Anteil ist je nach Behandlung unterschiedlich groß. Wolf und Windeler gehen sogar so weit zu sagen dass es alleine in der Macht es Therapeuten läge, ob er seine Patienten sich besser fühlen lässt. Der Wirkstoff des Placebos wäre also der Heiler selbst! Dies ist jedoch nach der Omni-Placebotherapie-Hypothese nur einer von vielen Faktoren. Unbestritten ist auch, das selbst schwere Erkrankungen spontan ausheilen können. Die Daten der Shapiros lassen vermuten, dass auch jede schulmedizinische Therapie bis zu zwei Drittel auf Hoffnungen zurück geht, die daran geknüpft sind. Aber die Medizin hat verlernt, dass sie nicht nur die Wissenschaft vom Heilen ist, sondern auch Heilkunst.
Auch nach 50 Jahren intensiver Forschung ist noch immer nicht bekannt, auf welche Weise der Placeboeffekt den Krankheitsverlauf beeinflusst.
Zusammenfassend kann man sagen, dass ohne den als Placeboeffekt bezeichneten Selbstheilungseffekt vermutlich keine Heilung gibt. Nicht in der Homöopathie, Allopathie oder sonst welchen medizinischen Richtungen. Wir bräuchten sie nicht, würden wir die Fähigkeit unseres Körpers, mit Krankheiten fertig zu werden, höher einschätzen.
Zum weiter lesen und verwendete Quellen: