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| Die Welt ist schön! Märchen vom Wald - Graf A.W. von Czege
Was der Vater seinem Kinde sagt -
Der Wald -
Der alte Pilzmacher -
Vom kleinen grauen Hasen -
Bulambukk -
Vom Hirsch, der seine Krone verlor -
Von den Schmetterlingen -
Bonifaz, der Osterhase -
Das Märchen von den blauen Bergen -
Der Eichelhäher und das Reh -
Maiglöckchens Traum -
Goldvogel
Viertes Märchen
in dem von dem kleinen grauen Hasen erzählt wird, der lauter
Dinge suchen muss, die andere verloren haben, und der noch heute sucht
und hüpft und schnüffelt weil leider immer wieder so vieles verloren
geht.
Vom kleinen grauen Hasen
Hast du schon mal etwas verloren? Es ist so, nicht wahr: man
hatte es, und auf einmal hat man es nicht mehr! Zu dumm! Man weiß
genau: es muß da sein. Und es ist doch nicht da.
Genau so erging es der kleinen Elfe, die in dem Maiglöckchen
wohnte. Sie konnte f einfach ihre Pantoffeln nicht mehr finden. Sie
wollte aufstehen es war schon ziemlich hell, und der Tau schimmerte
auf den Blattern der Maiglöckchen, sie wollte aufstehen, um in dem
frischen Morgentau ein Bad zu nehmen, und die Pantöffelchen waren
einfach nicht da.
Sie suchte überall. Verzweifelt. Sie fragte sogar die
Nachbarsblume es war eine wohlwollende Kuhschelle, aber umsonst.
Die wußte auch nichts davon. Es war eine peinliche Geschichte.
Die Elfe war verzweifelt. Es waren nämlich wunderschöne, weiße
Seidenpantöf-felchen, aus den Kelchblättern der Maiglöckchen genäht.
Niemand auf der ganzen Waldwiese hatte solch schönes Schuhwerk gehabt.
Und jetzt waren sie einfach weg.
Es wurde außerdem schon ganz hell, und sie stand noch immer
barfuß da. Und es schickt sich wirklich nicht für eine gut erzogene
Elfe, barfuß herumzulaufen. Sic setzte sich also auf ein
Maiglöckchenblatt, zog ihren Fuß unter ihr langes weißes Seidenhemdehen
und war sehr traurig. Die goldverzierten Sonnenstrahljünglinge kamen
an, und alle Elfen sprangen aus ihren Blumen heraus und tanzten mit den
goldenen Sonnenstrahlen. Nur sie konnte nicht tanzen. Sie war barfuß.
Da kam der Dachs vorbei.
Lieber Dachs", redete ihn die kleine Elfe an, »sei so gut und
suche meine Pan-toffelni Ich habe sie verloren und finde sie nirgends."
Das tut mir leid", knurrte der Dachs, "aber ich habe auch meine Brille
verloren, und ohne Brille tun mir die Augen weh." Damit trollte er nach
Hause und zog sogar den Farnvorhang vor seinem Eingang zusammen.
Die Elfe blieb auf dem Maiglöckchenblatt sitzen und war noch
trauriger als zuvor. Da kam das Wildschwein.
"Liebes, gutes Wildschwein", flehte die Elfe, "sei so gut und
such doch meine Pantöffelchen. Ich habe sie verloren, und nun kann ich
nicht tanzen gehen." .Bist du närrisch?" fragte das Wildschwein
ziemlich grob. "Ich habe auch meinen Spaten verloren. Jetzt muß ich die
Erde mit meiner Nase umwühlen, und das ist recht dumm. Geh doch
barfuß!" Und damit ging es zum Eichenwald hinüber.
Die Elfe wurde noch trauriger. Da kam der Fuchs vorbei.
"Lieber, guter Fuchs! Such doch mal meine Pantoffeln. Es ist
so schwer, ohne Pastoffeln zu leben!" "Hollala, Liebste!" sagte der
Fuchs, »wie denkst du dir das? Suchen ist viel zu langweilig für mich,
noch dazu zu dieser Tageszeit, wo die Dorfhühner auf mich warten. Ich
habe ja auch meinen Rucksack verloren, aber eher trage ich die Hühner
einzeln in meinem Maul nach Hause, als daß ich ihn lange suche." Damit
war er schon fort. Und die Elfe wurde noch viel trauriger.
Dann kam das Reh.
"Liebes, gutes, barmherziges, süßes Reh, suche doch meine
Pantoffeln. Ich bin schon am Verzweifeln!" "Wieso?" fragte das Reh, "wo
sind denn deine Pantoffeln?" "Das weiß ich eben nicht! Ich habe sie
verloren!" "Verloren?" sagte das Reh, "ach so, da mach' dir doch keine
Sorgen! Ich habe ja auch mein Geweih verloren, noch im Winter, und es
ist mir schon wieder ein neues gewachsen! Auch dir werden schon neue
Pantoffeln an deinen Füßen wachsen, sei nur beruhigt." Und es ging
stolz zum Bach hinunter, um sein neues Geweih im Wasserspiegel zu
bewundern.
Es kamen noch das Eichhörnchen, der Igel und der Marder
vorbei. Aber umsonst bat sie das Elflein, seine Pantoffeln zu suchen.
Das Eichhörnchen suchte seinen Nußknacker, der Igel hatte seine
Stacheln verloren, und der Marder erklärte ganz einfach, daß es ihn
nichts anginge, was andere verlören. Ein jeder habe auf seine eigenen
Sachen acht zu geben. Übrigens pflege er in den Bäumen spazieren zu
gehen, und da fände man gewöhnlich keine Pantoffeln.
Die arme kleine Elfe wurde nun so traurig, daß sie zu weinen
anfing. Sie weinte, weinte bitterlich. Sie weinte so sehr, daß ihre
Tränen von dem Maiglöckchenblatt herunterflössen, und die Ameisen unten
mußten ihre Regenschirme öffnen.
Da kam der kleine graue Hase vorbei.

"Guten Morgen", grüßte er die Elfe, "ja, was hast du denn?"
"Oh, oh, oh", weinte die kleine Elfe auf dem Maiglöckchenblatte, "ich
habe meine Pantoffeln verloren." "Ach, das ist aber eine dumme Sache",
bedauerte der Hase. "Meine schönen, weißen Seidenpantöffelchen", weinte
die Elfe, "sie waren doch am Abend noch da! Und jetzt finde ich sie
nirgends!" "Ja", schüttelte der Hase den Kopf, "das ist eben so mit
diesen Sachen. Sie sind da und plötzlich sind sie nicht mehr da." "Oh
weh, oh weh ..." Und nun weinte es so sehr, daß die Würmer und die
Ameisen unter der Maiblume sogar ihre Gummistiefel anziehen mußten.
"Nun, weine doch nicht", sagte der gutherzige kleine graue Hase, "ich
werde schon deine Pantöffelchen suchen." "Wirklich?" freute sich das
Elflein und weinte nicht mehr, so daß die Ameisen und die Würmer ihre
Gummistiefel und ihre Regenschirme wieder ablegen konnten. "Willst du
sie wirklich suchen? Du bist aber ein braves, liebes Häschen. Wenn du
sie findest, dann mache ich dir auch schöne, warme Pantoffeln,
Winterpantoffeln. Daß du nicht an den Füßen frierst!" "Oh, das wird
großartig!" freute sich nun auch das Haschen, "es ist tatsächlich
nicht immer angenehm, barfuß im Schnee herumzulaufen."
Und damit ging er, die Pantoffeln zu suchen. Er hüpfte
hierhin, er hüpfte dorthin, schnupperte, witterte und sah sich alles,
alles gründlich und genau an. Ja, er guckte sogar unter den
Farnkrautvorhang, der vor dem Bau des Dachses hing. "Was machst du da?"
brummte ihn der Dachs mürrisch an, denn der mochte nicht, daß man ihn
störe, "Verzeih mir, hochverehrter Herr Dachs", entschuldigte sich der
kleine graue Hase, "aber ich suche nämlich die Pantöffelchen der Elfe.
Und wenn ich etwas suche, dann schaue ich mir alles genau an."
"Das ist sehr richtig", beruhigte sich der Dachs, "aber wenn
du sowieso schon beim Suchen bist, könntest du auch meine
Brille mitsuchen." "Oh, sehr gerne", sagte der kleine graue Hase
höflich, "ich kann mir denken, wie unangenehm es ohne Brille ist! Ich
werde schon nachsehen." Damit ging er weiter. Er hüpfte und hüpfte und
sah sich alles, aber auch alles, sehr gründlich und genau an.
Der Fuchs kam eben vom Dorf zurück. Er legte das Huhn vor sich
hin und beobachtete mit Neugierde, was der Hase machte. "Was tust du
denn da, du Hase?" fragte er, "du hüpfst hin und her, das ist doch
Unsinn. Was für ein komisches Geschäft hast du
eigentlich?" Ich suche die Pantöffekhen der Elfe", antwortete
der kleine, graue Hase, "und suche dem Dachs seine Brille. Und wenn ich
etwas suche, dann schaue ich mir alles genau an." "Ach so", sagte der
Fuchs, "das ist fein. Aber weißt du was? Wenn du sowieso schon beim
Suchen bist, könntest du auch meinen Rucksack mit suchen. Schau, ich
muß die Hühner im Maul heimtragen." "Muß das aber unappetitlich sein!"
meinte der kleine graue Hase, "laß nur, ich suche dir schon auch deinen
Rucksack." Und damit suchte er weiter. Er hüpfte und hüpfte und sah
sich alles, aber wirklich alles sehr gründlich und genau an.
Das Reh unten am Bache sah ihn und wunderte sich. "Was machst
du eigentlich? Ich hab noch nie sowas gesehen, daß jemand immer nur
hüpft und hüpft!" "Ich suche die Pantöff eichen der Elfe, liebes Reh",
antwortete der kleine graue Hase sehr liebenswürdig, "und ich suche
noch dem Dachs seine Brille und dem Fuchs seinen Rucksack. Und wenn ich
etwas suche, dann schaue ich mir alles sehr genau an. Hast du nicht
zufällig eine von diesen Sachen gesehen?" "Nein", sagte das Reh und
schüttelte seinen Kopf, "nein, ich habe nichts gesehen. Ich finde aber,
daß du recht unvernünftig bist, wenn du etwas suchst, was verloren
gegangen ist. Sowas braucht man doch gar nicht zu suchen! Schau ich
habe auch mein Geweih verloren, und nun steht es doch auf meinem Kopfe,
ohne daß ich es gesucht hatte." Und das Reh beugte sich wieder über den
Bach, um sein neues Geweih zu bewundern. "Was es doch alles gibt!"
staunte der kleine graue Hase, "sowas habe ich noch nie gehört!" "Na
ja", sagte das Reh, "man muß das Leben nur richtig zu nehmen
verstehen." Der kleine graue Hase dachte nach. Dann schüttelte er den
Kopf. "Nein", sagte er, "ich muß die Dinge doch weiter suchen, weil ich
es versprochen habe. Und außerdem verstehe ich überhaupt nicht, wie man
etwas finden kann, ohne zu suchen." Damit suchte er weiter. Er hüpfte
wieder, hüpfte und hüpfte. Und sah sich alles, ebenso wie vorher, ganz
gründlich und genau an.

Im Eichwald grunzte ihn das Wildschwein an. "He, du dort! Du
Hase! Bist du verrückt geworden?" "Nein, hochverehrtes Wildschwein",
antwortete der kleine graue Hase bescheiden, "ich suche nur die
Pantöffelchen der Elfe, und dem Dachs seine Brille und dem Fuchs seinen
Rucksack. Zwar sagte das Reh, man solle nie suchen, wenn etwas verloren
gegangen ist, aber ich suche doch, weil man mich darum gebeten hat. Und
wenn ich etwas suche, dann schaue ich mir alles genau an." "Das ist
sehr schön von dir", meinte das Wildschwein, "und wenn du sowieso schon
beim Suchen bist, könntest du eigentlich auch meinen Spaten mit suchen.
Es ist nämlich gar nicht angenehm, mit der Nase zu wühlen." "Oh, das
muß wirklich sehr unangenehm sein", meinte der kleine graue Hase
mitleidig, "und ich such' auch deinen Spaten sehr gerne." Und damit
ging er weiter. Und suchte und suchte, hüpfte und hüpfte und sah sich
dabei alles, aber auch wirklich alles sehr gründlich und genau an.
Dann traf er noch das Eichhörnchen, den Igel und den Marder.
Alle wunderten sich über seine Hüpferei, und alle fragten ihn, was er
für eine merkwürdige Beschäftigung hätte. Und der kleine graue Hase
erzählte einem jeden, daß er die Pantöffekhen der Elfe suche und dem
Dachs seine Brille, dem Fuchs seinen Rucksack und dem Wildschwein
seinen Spaten. Das Reh habe zwar gesagt, daß es Unsinn sei, aber er
täte es doch, weil man ihn darum gebeten habe. Und wenn er
einmal etwas suche, dann schaue er sich alles genau an. Deswegen hüpfe
er so seltsam herum.
Da bat ihn das Eichhörnchen, nach seinem Nußknacker zu such
sowieso beim Suchen wäre. Und der Igel bat ihn, auch gleicheitig
nachzusehen, wo seine fehlenden Stacheln geblieben seien. Zuletzt
beauftragte ihn der Marder noch, den gestrigen Tag zu suchen, nachdem
er ja sowieso am Suchen sei. Abends sei er nämlich
noch da gewesen, der gestrige Tag, und heute früh nicht mehr. Aber man
könne ihn noch so gut gebrauchen.
Der gutmütige kleine graue Hase übernahm alles. Er versprach
dem Eichhörnchen, seinen Nußknacker zu suchen, weil es tatsächlich sehr
unpraktisch ist, die Nüsse mit den Zähnen aufzumachen. Er versprach dem
Igel auch, seine verlorenen Stacheln zu suchen, obwohl es ihm nicht
ganz klar war, wozu er sie gebrauchte Über die Bitte des Marders war er
erst ein wenig verdutzt. Es fiel ihm schwer zu begreifen, wie man den
gestrigen Tag verlieren könne. Aber er versprach dann doch
selbstverständlich, auch danach zu suchen.
Und er ging weiter. Suchte und suchte. Hüpfte und hüpfte,
schnüffelte und schnüffelte den ganzen Tag herum. Gegen Abend fand er
wahrhaftig die Pantöffelchen. Sie waren gar nicht weit vom
Maiglöckchen. Nur eine schläfrige Ameise lag darauf, und deswegen hatte
man sie vorher nicht finden können. In großer Freude brachte er sie der
Elfe. "Hier sind deine Pantöffelchen! Ich sagte doch, daß ich sie
finden würde! Denn wenn ich etwas suche, dann schaue ich mir alles
genau an. Deswegen habe ich sie auch gefunden." Die kleine Elfe war
außer sich vor Glück. Sie bedankte sich herzlich. "Aber warte noch ein
Weilchen, braves Häschen", sagte sie danach, "ich muß dir noch die
warmen Winterpantoffeln anfertigen, die ich dir versprochen habe! "Tut
mir leid", entschuldigte sich der kleine graue Hase, "ich kann aber
keinen Augenblick länger bleiben. Lieber komme ich später einmal
vorbei. Ich habe nämlich noch riesig viel zu suchen!" "Wieso? Was
denn?" wunderte sich die Elfe. "Ja, höre nur", sagte der Hase und fing
an, alle die Sachen aufzuzählen, die er noch zu suchen hätte. Und er
sah dabei ebenso wichtigtuerisch aus wie alle Hasen, wenn sie
nachdenken.
"Also erstens: dem Dachs seine Brille. Dann dem Fuchs seinen
Rucksack, ann dem Wildschwein seinen Spaten. Dem Eichhörnchen seinen
Nußknacker. Igel seine Stacheln... ja und dem Marder soll ich den
gestrigen Tag finden. Ist das aber viel! Wenn ich nur nichts vergesse!"
Und damit eilte er auch schon weiter.
Seit jener Zeit sucht er fortwährend. Wenn du ihn irgendwo
triffst, beobachte ihn nur: er hüpft und hüpft, schnüffelt und schaut
dabei alles, aber wirklich alles, ganz gründlich und ganz genau an.
Manchmal bleibt er stehen und
macht dabei ein sorgenvolles, wichtigtuerisches Gesicht. Dann zählt er
nämlich auf, was er noch alles zu suchen hat. Damit er bloß nichts
vergißt.
Seither hat er auch die Pantoffeln von der Este bekommen. Du
kannst sie dir ja ansehen: es sind wirklich gute, schöne und warme
Pantoffeln, die er anhat. Er hat sie aber auch sehr nötig. Seine Füße
würden ihm ohne die Pantoffeln wehtun vom vielen Herumhüpfen. Und er
hat immer noch recht viel zu suchen. Bedenke doch: das Wildschwein
wühlt heute noch mit seiner Nase: es hat also seinen Spaten immer noch
nicht. Der Fuchs trägt die Hühner auch noch im Maule heim. Er hat also
immer noch keinen Rucksack. Das Eichhörnchen knackt die Nüsse immer
noch mit den Zähnen auf. Nur der Dachs hat seine Brille wieder und der
Igel seine Stacheln. Also hat der kleine graue Hase seither doch etwas
geleistet.
Aber auch, wenn er mit der Zeit noch die anderen Sachen finden
würde, also dem Wildschwein seinen Spaten, dem Fuchs seinen Rucksack
und dem Eichhörnchen seinen Nußknacker, so würde der arme kleine Hase
doch immer noch keine Ruhe finden. Er muß noch weiter suchen, hüpfen
und hüpfen, schnüffeln und alles gründlich und genau ansehen. Weil der
Marder ihn ja noch den gestrigen Tag zu suchen beauftragt hat.
Ja, ich glaube, es wäre recht klug von dir, wenn du ihn bitten
würdest, auch dein Taschentuch zu suchen, das du heute verloren hast.
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