Die Welt ist schön! Märchen vom Wald - Graf A.W. von Czege
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Von den Schmetterlingen -
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Goldvogel
Von den Schmetterlingen
Ja, du weißt wahrscheinlich noch nicht, wie das mit den Schmetterlingen gewesen ist. Also höre zu!
Die Menschen sind nicht immer gut. Nein, sie tun sogar viel Böses, Leider viel mehr Böses als Gutes. Nicht nur zehnmal, nicht nur hundertmal - mindestens tausendmal mehr.
Sieh dich um: was du Hässliches auf dieser Welt siehst, das ist alles die Spur der Menschen: Es ist nämlich so: von jeder bösen Tat, welche die Menschen begehen, bleibt eine Spur auf dieser Erde. Eine hässliche Spur: Brennnesseln, Disteln, Unkraut überhaupt.
Es gab immer sehr viel Unkraut, überall. Und es kommt immer noch neues dazu. Weil die Menschen mit ihrer Bosheit nicht aufhören vollen.
In jener Zeit, als der Engel des Waldes anfing, den Wald zu verschönern, wuchs zwischen den Blumen auch das Unkraut heraus. Und man konnte nichts dagegen. machen. Es waren die Spuren der bösen Menschen.
Der Engel wurde traurig und ging zu Gott hinauf. Und sagte zu ihm: "Verzeih, mein Gott, aber es ist nicht recht so. Wenn die schlimmen Taten ihre Spuren hinterlassen dürfen, erlaube, dass auch die guten Taten ihre Spuren haben!''
Gott lächelte gütig und sagte:
"So soll es sein. Geh und schaffe etwas zur Erinnerung an die guten Taten."
Und damit kam der Engel zurück. Wie er sich eben am Waldesrand niedergelassen hatte, sah er eine Schar von bösen Kindern, die zum Krähennest hinaufkrochen und sich eine junge Krähe holten. Die alten Krähen kreisten über ihnen und krächzten jämmerlich. Aber die bösen Kinder kümmerten sich nicht darum. Sie spielten mit dem Krähenjungen und quälten es.
Der Engel wurde recht böse darüber. Er gab nur einen Wink, und der Wald fing an zornig zu brausen. Der Wind sauste durch die Bäume und brachte schwere Wetterwolken. Die Wolken warfen ihre Blitze herunter, der Himmel donnerte, und die Bäume streckten ihre Hände nach l den bösen Kindern aus.
Da erschraken sie und lief end weinend nach Hause. Und wie sie über die Felder rannten, wuchs aus ihren Fußspuren schon das Unkraut heraus. Zur Erinnerung daran, dass sie das Krähenjunge gequält hatten.
Nur ein einziges Kind blieb da. Dieses hatte nicht mit den anderen zusammen gespielt. Es arbeitete, etwas weiter abseits, mit seinen Eltern auf einem Kartoffelfeld. Jetzt ging es hin, nahm die junge Krähe in seine Hand und streichelte sie.
Der Wald brauste nicht mehr. Der Wind blieb stehen und schlich auf den Zehen davon. Die Bäume lauschten.
Das Kind ging zu dem Baum, wo das Nest war, kletterte hinauf und legte die junge Krähe in ihr Nest zurück. Glücklich krächzten die zwei Alten, lächelnd nickten die Bäume ihm zu. Und in dem Augenblick, als es seine Hand vom Nest zurückzog, saß auf seiner Handfläche ein schöner weißer Schmetterling, flatterte sanft mit seinen Flügeln und flog leise in die Luft.
So entstand der erste Schmetterling. Und seit jener Zeit steigt immer, wenn jemand etwas Gutes tut, ein Schmetterling in die Lüfte auf. Die vielen kleinen Schmetterlinge tragen die Kunde von vielen kleinen guten Taten. Es gibt auch große bunte Schmetterlinge das sind die seltenen, großen edlen Taten. Bemühe dich mein Kind, dass kein Unkraut auf deinen Spuren wächst. Sondern wo du bist, sollen immer viele, viele Schmetterlinge sein.
Und jetzt erzähle ich dir wie der größte und schönste aller Schmetterlinge geboren wurde. Das große Nachtpfauenauge.
Es lebte einmal irgendwo am Rande des Waldes eine arme Frau. Sie war so arm, dass sie außer ihrer Armut nichts anderes besaß als neun kleine Kinder und zwei kleine Ziegen. Die zwei kleinen Ziegen weideten den ganzen Tag im Walde und kehrten nur abends nach Hause zurück, damit die arme Frau sie melken konnte, um ihren Kindern Abendbrot zu geben. Eines Abends geschah es, dass die kleinen Ziegen nicht heimkamen. Umsonst wartete die arme Frau, umsonst rief sie ihre Namen: sie kamen nicht. Es War schon finster. Die Kinder waren hungrig, sie fingen an zu weinen. Und die arme Frau hatte nichts, aber wirklich gar nichts, was sie ihnen zu essen geben konnte. Sie ging hinaus in den finsteren Wald, die zwei kleinen Ziegen zu suchen, um sie melken zu können und die Milch den Kindern zu geben.
Sie ging. Und es war schon sehr, sehr dunkel zwischen den Bäumen und der Wald war sehr, sehr groß. Sie ging und. rief die Ziegen bei Namen. Und plötzlich hörte sie aus weiter Ferne ein leises Meckern.
Eilends ging sie der Richtung nach, aus der das Meckern kam. Und als sie da ging, im finsteren Walde, stellte sich ihr auf einmal die Buche in den Weg.
"Gehe nicht, arme Frau, deinen Ziegen nach", sagte die Buche, "die böse, hinkende Waldhexe hat sie gefangen."
"Lass mich gehen, gute Buche", antwortete die arme Frau, "ich muss die Ziegen heimbringen und sie melken, sonst haben meine Kinder nichts zu essen."
Und sie ging weiter. Der Wald wurde immer dichter, immer 'finsterer, und weit, weit im Walde meckerten die Ziegen.
Da stellte sich die Tanne ihr in den Weg.
"Kehre um, arme Frau", sagte die Tanne, "die böse Hexe gibt dir deine Ziegen ja doch nicht wieder."
"Ich kehre nicht um, gute Tanne", antwortete die arme Frau, "ich muss die beiden kleinen Ziegen heimbringen und melken, sonst haben meine Kinder nichts zu essen."
Und sie ging weiter. Sie kletterte zwischen dornigen Büschen und scharfen Steinen in den finsteren Wald hinein. Immer dem Gemecker entgegen.
Da stellte sich der Felsen vor sie.
"Gehe nicht einen Schritt weiter, arme Frau", sagte der Felsen, "die böse Hexe hat Schlechtes im Sinn!"
"Lass mich gehen, guter Felsen", antwortete die arme Frau, "ich muss die beiden Ziegen heimbringen und melken, sonst haben meine Kinder nichts zu essen."
Und sie ging weiter. Immer weiter, in die tiefsten Tiefen des Waldes. Von der Felsenschlucht aus kroch der Nebel ihr entgegen.
"Komm, komm, arme Frau! Da sind deine Ziegen!"
Und die arme Frau ging, wo der Nebel sie hinführte. In die finstere Felsenschlucht hinein. Feuchtes Moos klebte an den Bäumen, ein muffiger Schimmelgeruch war in der Luft. Fledermäuse huschten herum.
Plötzlich stand sie vor einer Höhle. Ein winziges Feuer brannte darin, und neben dem Feuer saß die alte Hexe. Hässlich war sie, und ihre Augen funkelten böswillig in der dunklen Höhle. Hinter ihr standen die zwei kleinen Ziegen festgebunden.
Die arme Frau zitterte vor Angst. Aber sie schritt näher und sagte: "Ich bitte dich, gute Hexe, gib mir meine Ziegen zurück. Ich muss sie heimbringen und melken, sonst haben meine neun kleinen Kinder nichts zu essen."
Aber die alte Hexe lachte bösartig. Ihr einziger gelber Zahn starrte aus ihrem Munde hervor.
"Wie denkst du dir das, du dumme Frau? Habe ich darum deine Ziegen gefangen, dass ich sie dir so ohne weiteres zurückgebe? Hihihihihi! Lösegeld musst du zahlen!"
"Erbarme dich meiner, gute Hexe", bat die arme Frau, "neun kleine Kinder warten auf mich daheim. Sie sind hungrig und ich habe nichts, was ich ihnen zu essen geben könnte. Nichts habe ich, nur diese zwei kleinen Ziegen.
Womit soll ich dir das Lösegeld zahlen?"
Ein grausames Lächeln zog über das hässliche Gesicht der Hexe.
Gib mir zwei deiner Kinder, dann kannst du deine Ziegen haben!"
Da erschrak die arme Frau. Wie konnte sie ihre Kinder hergeben? Ihre Kinder, die sie alle so lieb hatte?
Sie fing an zu weinen und weinte bitterlich.
"Liebe, gute Hexe, sei mir gnädig und gib mir die beiden Ziegen zurück. Solange ich lebe, werde ich dir dafür dankbar sein ..."
Doch die Hexe lachte nur.
"Ich will zwei Kinder haben!"
Die arme Frau weinte. So schmerzlich, dass nicht nur die Felsen weich wurden, sondern auch die Hexe nachgab.
"Sage nicht, dass ich nicht gnädig bin. Bring mir die Augen deines jüngsten Kindes. Aber jetzt mach, dass du fortkommst, sonst lasse ich meine Schlangen auf dich los!"
Weinend ging die arme Frau davon. Weinend ging sie die Felsen hinunter, weinend ging sie durch das Dickicht. Es war schon Nacht, stockfinstere Nacht.
Dann blieb sie stehen. Sie konnte nicht heimkehren ohne die Ziegen. Was würde sie tun, wenn die neun hungrigen Kinder sie weinend um etwas zu essen bitten würden?
Ein tiefer Seufzer kam aus ihrer Brust. Dann nahm sie ihr Messer und schnitt sich ihre eigenen Augen heraus. Und dann kehrte sie um.
Jetzt aber war sie blind und konnte sich nur durch die Bäume tasten. Es ging schwer, sehr schwer.
Das Waldlüftlein kam vorbei und fragte:
"Was ist mit dir, arme Frau? Wo sind deine Augen?"
"Frage nicht, guter Wind", antwortete die arme Frau, "frage nicht!"
Und sie klagte ihm ihr Leid. Den Wind dauerte die arme Frau.
"Komm", sagte er, "ich führe dich."
Und er führte sie zur Hexenhöhle zurück.
"Bist du aber schnell da!" wunderte sich die alte Hexe. "Hast du mir die Augen deines Kindes gebracht?"
"Hier sind sie", und die arme Frau streckte ihre Hand aus.
Die Hexe nahm die beiden Augen und warf sie ins Feuer.
Und im selben Augenblick stieg aus dem Feuer ein großer dunkler Schmetterling hervor. Zwei große Augen glänzten auf seinen Flügeln. Umsonst jagte ihn die alte Hexe fort. Der schöne große Falter setzte sich auf die Schultern der armen Frau und ging nicht mehr fort von ihr.
Die böse Hexe sah die Frau mißtrauisch an.
"Na, du kannst dir deine Ziegen nehmen", "grinste sie höhnisch, wenn du mir sagst, was für eine Farbe hier die Flamme hat."
"Blau", flüsterte der Falter der armen Frau ins Ohr.
"Blau", sagte die arme Frau.
"Wie viel Hundeknochen habe ich in der Hand?" fragte die Hexe Weiter.
"Drei", flüsterte der Falter.
"Drei", sagte die arme Frau.
"Du kannst dir deine Ziegen mitnehmen, aber komm herein und binde sie dir selber los."
Da erschrak die arme Frau tief, vor Angst, dass die Hexe den Betrug doch merken würde. Aber in demselben Augenblicke raste der Wind los, wirbelte aus dem Feuer eine Handvoll Glut auf und warf sie der bösen Hexe ins Gesicht. Sie heulte vor Schmerz, und während dieser Zeit flüsterte der Schmetterling der Frau ins Ohr, wohin sie gehen und was sie tun sollte, um die Ziegen zu befreien.
Als die zwei kleinen Ziegen losgebunden waren, rannten sie aus der Hexenhöhle, und die arme Frau stolperte überglücklich hinterher.
Sie gingen heim. Und wie sie gingen, traten die Felsen und die Bäume ihr aus dem Wege. Die Steine rollten vor ihren Füßen weg. Und auf ihrer Schulter saß der große dunkle Schmetterling, der schönste Schmetterling der Welt: das große Nachtpfauenauge.
Zu Hause melkte die arme Frau die beiden Ziegen, und die Kinder bekamen ihre Milch. Dann gingen sie alle schlafen.
Und während sie schliefen, flog der Schmetterling zu Gott hinauf und meldete ihm, was die arme Frau im Walde getan hatte. Der gute Gott hörte zu. Dann drehte er sich für einen Augenblick um, damit niemand sehen sollte, wie er sich eine Träne aus dem Auge wischte.
Dann langte er in seine Tasche und holte daraus zwei nagelneue, wunderschöne Augen hervor. Die gab er dem Schmetterling.
Und als früh morgens die arme Frau aufwachte und die Lider aufschlug, sah sie sich verwundert um. Sie sah! Sie tastete nach ihren Augen - sie waren da!
"Was hast du, Mutter?" fragten die Kinder,
"Warum schaust du so verwundert drein?"
"Oh", sagte die arme Frau und lachte fröhlich auf, "ich habe so etwas Hässliches geträumt..."
Durch das offene Fenster flog eben ein großer, dunkler Schmetterling und verschwand im Walde. Es war ein seltsamer, wunderschöner Schmetterling. Der schönste Nachtfalter der Welt: das große Nachtpfauenauge.
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