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Die Welt ist schön! Märchen vom Wald - Graf A.W. von Czege

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Der Eichelhäher und das Reh

Das muss ich dir auch noch erzählen. Es ist wichtig, dass du es weißt. Denn was mit uns sehr klugen und angeblich sehr guterzogenen Erwachsenen oft vorkommt, hat viel Ähnlichkeit mit diesem Märchen. Also höre zu.

Es gibt im Walde einen Vogel, der sich Eichelhäher nennt. Du kennst ihn wahrscheinlich. Er hat schöne blaue Federn an den Flügeln, und er ist ein sehr tüchtiger, sehr findiger und sehr kluger Vogel. Eben daher kam das Ganze.

Nämlich der Eichelhäher hat immer sehr fleißig gelernt -und sehr gut aufgepasst, wie die Wichte! den Tieren etwas beibrachten. Er lernte Nester bauen, ebenso schön oder noch schöner als die Falken. Haselnüsse knacken, ebenso gut oder noch besser als das Eichhörnchen. Eicheln suchen, ebenso geschickt oder noch geschickter als das Wildschwein. Beeren pflücken, ebenso findig oder noch findiger als die Amsel. Würmer fangen, ebenso flink oder noch viel flinker als der Star. Und weil er fleißig war und immer früher aufstand als die anderen, fand er die größten Haselnüsse, die süßesten Beeren und die dicksten Würmer. Die anderen: der Star, die Amsel, das Eichhörnchen und das Wildschwein wurden deswegen neidisch und böse auf ihn. Das Ist nun einmal so, weißt du: die Faulen sind immer böse auf die Fleißigen,

Zuerst kam das Eichhörnchen mit seiner Klage auf die Engelslichtung.

"Man sollte dem Eichelhäher' verbieten, dass er Haselnüsse isst. Er findet immer die größten, und mir bleiben nur die kleinsten."

"Sei fleißiger als er", sagte der gute Waldgeist, "dann findest du die größeren,"

Dann kam die Amsel.

"Man sollte dem Eichelhäher verbieten, Beeren zu pflücken. Er findet immer die süßesten, und mir bleiben nur die sauren."

"Sei flinker", antwortete der Waldgeist, "dann bist du besser daran."

Und dann kam noch der Star wegen der Würmer, das Wildschwein wegen der Eicheln, der Fuchs wegen der Mäuse, und die Wasseramsel wegen der Fische.

"Seid ihr doch geschickter, flinker und fleißiger als er", sagte der Waldgeist, "dann wird euch nichts fehlen!"

Aber der Star war doch zu faul, um früher aufzustehen. Die Amsel war viel zu bequem, um alle Gebüsche rechtzeitig nach Beeren zu durchsuchen. Das Wildschwein war kurzsichtig, und das Eichhörnchen mochte lieber spielen als arbeiten. Und weil der Eichelhäher weder faul noch kurzsichtig war, weder bequem noch arbeitsscheu, wurden sie alle, aber auch alle sehr böse auf ihn. Weil er früher aufstand und später schlafen ging. Und weil er noch dazu so schöne blaue Federn hatte wie niemand sonst. Er war immer gut gelaunt, hüpfte lustig den ganzen Tag hin und her und fand alles, was zu finden war. Sie hatten also allen Grund zu Neid und Hass.

Dann eines Morgens geschah es.

Es kam so; Das Eichhörnchen hatte am vorhergehenden Abend eine runde, schöne, große Haselnuss gefunden. Es war zu faul gewesen, sie nach Hause zu bringen, und hatte sie unter einem Ahornblatt versteckt.

In der nächsten Frühe, als das Eichhörnchen noch schlief, kam der Eichelhäher vorbei und stolperte zufällig über «das Ahornblatt. Er fand die Haselnuss und machte sich daran, sie aufzuknacken. Da kam das Eichhörnchen dazu und verlangte seine Haselnuss.

"Wieso?" wunderte sich der Eichelhäher.

Und es entspann sich ein Streit.

Das Eichhörnchen begann den Eichelhäher zu jagen, und eben kam auch das Wildschwein vorbei. Es rannte auch dem Eichelhäher nach. Der faule Star kroch gerade aus dem Nest und schloss sich sofort der Verfolgung an. Und es kamen noch die Amsel, der Falke und der Fuchs. Und noch viele andere, die eigentlich nichts gegen den Eichelhäher hatten. Ja, das ist schon so. Vielen macht es Spaß, den Schwächeren zu verfolgen.

Der arme Eichelhäher war allein. Er sprang von Ast zu Ast. Er flog von Baum zu Baum, Aber seine Verfolger erreichten ihn. Sie nahmen ihm nicht nur die Haselnuss ab, sie rissen ihm auch die viel geneideten blauen Federn bis auf die letzte aus; sie bissen und schlugen ihn, bis er blutig vom Baume fiel.

Unten stand das kleine Reh und sah entsetzt zu, wie gemein die Tiere sich benahmen. Und als der Eichelhäher vom Baume fiel, versteckte es ihn rasch im Gebüsch und bedeckte ihn mit Moos und Gras.

Da kam auch schon das Wildschwein mit blitzenden Hauern daher.

"Wo ist dieser niederträchtige Schuft, dieser Eichelhäher, dass ich ihm alle Knochen zerbreche?"

"Er ist fortgelaufen", sagte das Reh.

"Warum hast du ihn laufen lassen?" grunzte boshaft das Wildschwein. "Ja, natürlich, du bist fein und vornehm. Du gehörst nicht zu uns. Na, warte nur, du kommst auch noch an die Reihe!"

Und damit ging es weiter, den Eichelhäher zu suchen.

Da kam der Falke.

"He, du Reh! Wo ist der Eichelhäher?"

"Ich weiß es nicht", sagte das kleine Reh, "er ist fort."

"Warum hast du ihn laufen lassen?" krächzte der Falke. "Ja du, bist viel zu fein und vornehm, um zu uns zu gehören I"

Und dann kam noch der Fuchs.

"Es riecht hier nach Blut, du Reh", witterte er misstrauisch.

"Mein Bein blutet", sagte das Reh, "ich habe mich an einem Stein angeschlagen."

"Pass du nur auf", knurrte der Fuchs, "du solltest sehr aufpassen, mein liebes Reh. Du .bist viel zu fein und viel zu vornehm für uns!"

Und dann gingen alle und durchsuchten das ganze Dickicht. Sie fanden aber den Eichelhäher nicht. Das kleine Reh behütete ihn und pflegte seine Wunden, bis er wieder ganz gesund war. Indessen brachten die Wichtel die Nachricht von dem, was mit dem Eichelhäher geschehen war, zur Engelslichtung. Und der gute Waldgeist rief alle Stare und alle Amseln und alle Eichhörnchen und alle Falken zusammen. Sogar den Fuchs und das Wildschwein. Und fragte:

"Was ist mit dem Eichelhäher geschehen?"

Und sie antworteten alle:

"Wir haben ihn gar nicht gesehen!"

Alle Amseln und alle Stare und alle Eichhörnchen und alle Falken sagten so. Sogar der Fuchs und auch das Wildschwein.

Da wurde der gute Geist sehr traurig und sagte:

"Ihr seid faul, dumm und ungeschickt, und statt euch zu bessern, begeht ihr aus Neid Ungerechtigkeiten und Bosheiten. Und ihr lügt sogar. Damit das nicht noch einmal vorkommt, mache ich euch jetzt einen Zauber, welcher euch ewig an eure Bosheit erinnern soll."

Und damit fing er an zu zaubern. Ich muss schon sagen, es war wirklich ein großer und richtiger Zauber. Eines der größten Zauberwunder, die sich jemals auf dieser Erde ereignet haben.

Denn plötzlich fingen die Blätter auf den Bäumen an gelb zu werden. Das war bis zu jener Zeit noch nicht vorgekommen. Sie wurden gelb und fielen ab, und die Bäume blieben kahl, was bis zu jener Zeit noch nicht geschehen war.

Es kam der Wind. Er sauste, durch den kahlen Wald, und die Bäume zitterten, und ihre dünnen, grauen, kleiderlosen Äste klapperten vor Kälte. Es kamen neue und neue Windstöße, und auf ihrem Rücken saßen große, kalte Wolken. Und aus diesen Wolken fiel der Schnee herab. Der erste Schnee. Er bedeckte alles: Erde, Bäume, Felsen. Es wurde Winter. Ein wahrhaftiger, echter, kalter Winter. Der erste Winter auf dieser Erde. "So", sagte der gute Waldgeist, als er damit fertig wurde," so. Jetzt könnt ihr gehen und euch etwas zu essen suchen. Es ging euch viel zu gut. Jetzt müsst ihr frieren und hungern lernen. Habt ihr dem Eichelhäher die großen und süßen Beeren missgönnt? Jetzt gibt es gar keine Beeren mehr. Habt ihr ihm die fetten Würmer missgönnt? Jetzt gibt es keinen einzigen Wurm mehr. Habt ihr ihm die Haselnüsse und Eicheln missgönnt? Jetzt müsst ihr sie aus dem Schnee und Eis hervorgraben. Ihr habt es viel zu gut und viel zu leicht gehabt. Jetzt werdet ihr keine Zeit mehr haben, Bosheiten zu begehen. Verschwindet mir aus den Augen!"

So sprach der gute Waldgeist damals auf der Engelslichtung, die schon ganz weiß war von Schnee. Und die Tiere zerstreuten sich verängstigt in dem verwandelten Walde.

Die Amseln fänden nirgends mehr Beeren, weder süße noch saure. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich auf den Weg zu machen, traurig und erschrocken, um Essbares zu suchen, weit bis über die See. Die faul und schwach waren, wurden bald müde, erfroren und verhungerten. Und so geschah es auch mit den Staren.

Das Eichhörnchen musste in Eis und Schnee scharren, um etwas zu finden. Es war hungrig und seine Füße froren. Das Wildschwein musste mit seinem Rüssel im Schnee wühlen. Es war ihm kalt, und es blieb immer hungrig, und der Rüssel tat ihm weh.

Aber der Eichelhäher wurde bald gesund. Das kleine Reh hatte ihn so gut gepflegt. Er wurde gesund, und seine Federn wuchsen wieder und er brauchte nicht fort zu gehen wie die anderen Vögel. Er war flink, fleißig und geschickt. Hüpfte und scharrte, hüpfte und scharrte: und wieder holte er sich die größten Eicheln aus dem Schnee und die größten Haselnüsse aus dem Eise. Das gute kleine Reh litt auch keinen Hunger: es wurde satt von den Knospen der Äste und brauchte darum nicht im Schnee zu wühlen und im Eis zu kratzen. Der Eichelhäher ist ihm seit jener Zeit auch sehr dankbar. Wenn eine Gefahr sich nähert, ein Mensch oder ein Fuchs, fängt der Eichelhäher sofort zu schreien an. Er schreit, und dann weiß das Reh, dass Gefahr im Walde ist, und versteckt sich. Und seit jener Zeit kommt immer einmal im Jahre der Winter. Damit alle Tiere sich an diese Geschichte erinnern und damit sie nie vergessen, dass Neid und Bosheit alles verdirbt, was schön und gut ist.

Ja, mit uns Menschen geht es genau so, mein Kind.

Jetzt... jetzt ist eben Winter. Aber es wird auch einmal Frühling werden, und einmal wird auch wieder Sommer werden. Denn das ist Gottes Gesetz.

Und du sollst dich bemühen, mein Kind, so unter den Menschen zu sein, wie das Reh es unter den Tieren gewesen ist. Dann brauchst du dich vor keinem Winter zu fürchten.


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