Die Welt ist schön! Märchen vom Wald - Graf A.W. von Czege
Was der Vater seinem Kinde sagt -
Der Wald -
Der alte Pilzmacher -
Vom kleinen grauen Hasen -
Bulambukk -
Vom Hirsch, der seine Krone verlor -
Von den Schmetterlingen -
Bonifaz, der Osterhase -
Das Märchen von den blauen Bergen -
Der Eichelhäher und das Reh -
Maiglöckchens Traum -
Goldvogel
Vom Hirsch, der seine Krone verlor
Der Igel saß vor seinem Hause. Es war ein schönes, warmes Sonnenplätzchen, wo er gern seine Nachmittagsstunden zu verbringen pflegte. Es war am Fuße einer mächtigen, alten Buche, zwischen zwei dicken Wurzeln. Und die lauwarme Frühlingssonne schien so schön und streichelnd auf diesen Fleck, dass der Igel sogar seine Augen zumachen musste.
Sein Haus war unter der mächtigen Buchenwurzel, und es war immer so schön warm darin und immer schön sauber. Denn die Igelin hatte ein Gefühl für Sauberkeit.
Sie arbeitete auch an diesem Nachmittage: Sie schleppte die Moosmatratzen und die Moosteppiche hinaus in die Sonne. Ja, sie waren allerdings schon etwas zerfetzt, diese Dinger da, und sie dachte mit Erleichterung an den Frühling, der schon dort oben am blauen Himmel hing und sich bald im Wald niederlassen wollte.
,,Dann können wir aus trockenem Moos neue Teppiche und neue Matratzen herrichten" dachte die Igelin.
Ja, der Frühling war tatsächlich schon irgendwo da. Die kahlen, mageren Äste der Bäume wurden dick und rund und die Knospen platzten schon fast. Gärtner Meise prüfte mit seiner Familie alle Knospen durch. Er hüpfte von Ast, von Zweig zu Zweig, sehr gründlich und sehr gewissenhaft, und wenn sich eine faule Knospe fand, dann schrie er, wie es zu einem echten Gärtner passt:
"Nichts ist darin1 Nichts wert! Nichts ist darin! Nichts wert!"
Sogar der alte Doktor Specht war schon bei voller Arbeit. Er klopfte die Bäume sorgfältig durch. Klopfte und horchte auf ihren Ton. Manchmal klopfte er wieder und schüttelte dann sorgenvoll seinen Kopf. Ja, ja, einen schweren Winter hatten sie hinter sich. Es war sogar ein sehr schwerer, ein sehr unangenehmer Winter gewesen.
Hoch oben am hellblauen Frühlingshimmel kreiste Blitz, der Adler. Er meißelte große, weite Kreise in die weiche Luft hinein. Es war alles still. Nur hier und da hörte man das leise Geräusch einer aufplatzenden Knospe. Oder wenn ein Keim seinen Kopf aus dem feuchten Laubwerk emporhob. Ja, es war ganz, ganz still im Walde. Auf der Nordseite des hohen Tannenwaldes schmolz noch immer der Schnee. Kleine flinke Quellen sprudelten überall, und der Bach donnerte unten im Tale. Aber dort auf der Südseite des Buchenwaldes hörte man kaum etwas davon. Es war ganz still. Und der Igel saß mit geschlossenen Augen auf seinem Lieblingssonnenfleck und träumte von fetten Maikäfern.
Plötzlich krachte es in der Nähe. Und als er seine Augen öffnete, stand vor ihm ein wundergroßes und wunderschönes Tier. Es war schlank und hochgewachsen. Auf seinem stolz blickendem Kopfe trug es eine herrliche Krone, die hoch und breit über ihm stand und mit ihren weißzackigen Enden gen Himmel ragte.
"Oh", wunderte sich der Igel und wandte sich seinem Hause zu und rief halblaut: "Oh! Komm heraus, aber schnell. Jemand ist da, und ich glaube, es kann nur der Waldherr sein, der Hirsch!"
Die Igelin steckte ihre Nase heraus. "Ach!" schrie sie laut vor Bewunderung, "das ist wirklich ein feiner Herr!"
Das Wundertier mit der Krone blieb stehen. Es wandte seinen Kopf der Buche zu, beugte sich nieder und bemerkte die beiden. Es betrachtete sie mit wohlwollenden Augen.
"Guten Tag. Wer seid Ihr?"
"Guten Tag", antwortete der Igel, "ich bin der Igel und das ist meine Frau. Wir wohnen hier. Aber wo sind Sie zu Hause, mein Herr?"
"Ich? Ich wohne dort droben", und er zeigte hinauf auf den Tannenwald, der hoch über dem Buchenwalde stand, von Felsen umgeben, "ich wohne da oben, und mein Name ist Hirsch."
"Ach, Sie sind also tatsächlich der Waldherr, dachte es mir schon. Ich sagte doch eben, das kann nur der Waldherr sein!'
"So nennt man mich", sagte der Hirsch be-
scheiden, "aber mein Name ist Hirsch und nichts weiter. Und ich kam herunter, um zu sehen, ob wirklich der Frühling schon kommt. Da oben sieht man nämlich schon etwas davon."
"Ja, der Frühling ist da", sagte der Igel, "ich labe schon die Knospen gehört!"
"Ja, der Frühling ist da", sagte auch die Igelin, "ich habe die Meise getroffen, und sie erzählte mir, es seien sogar, schon Schneeglöckchen da!"
"Was Sie nicht sagen!" wunderte sich der Hirsch.
"Ja", erklärte der Igel, "ich kann Ihnen ehrlich sagen, der Frühling ist schon ganz und gar da!"
"Danke sehr", sagte der Hirsch.
"Bitte sehr", sagte der Igel.
"Also auf Wiedersehen."
"Auf Wiedersehen!"
Und der Hirsch machte kehrt und ging langsam bergauf, zum Tannenwald zurück.
"Ein feiner Herr", meinte die Igelin zu ihrem Manne und wollte ins Haus zurück gehen.
Da aber schrie der Igel voller Entsetzen laut auf: "Ums Himmelswillen! Er hat seinen Kopf verloren!"
"Wieso?" Die Igelin drehte sich um.
"Ja, ja!" Er war sehr aufgeregt. "Ich habe es doch gesehen! Wie er in das Dickicht hineinging, blieb sein Kopf stecken und fiel zu Boden!"
"Und?" fragte die Igelin beängstigt.
"Und? Er ist weiter gegangen! Er hat gar nichts gemerkt! Das ist es ja eben!"
Die Igelin sah ihren Mann misstrauisch an.
"Wieso? Ohne Kopf kann er doch nicht weiter. Er sieht ja den Weg nicht!"
"Das ist wahr", beruhigte sich der Igel ein wenig, "aber was war denn das, was da herunter fiel?"
"Woher soll ich das wissen", antwortete sie etwas überlegen, "du hast es gesehen und nicht Eines weiß ich nur: dass man ohne Kopf nicht weitergehen kann."
Und damit kehrte sie in das Haus zurück, um die Moosmatratzen und die Moosteppiche wieder
auf ihre Plätze zu tragen.
Der Igel konnte aber vor Neugierde nicht länger auf seinem Sonnenplätzchen bleiben. Er machte einen Ausflug zu der Stelle, wo er jenes merkwürdige Etwas hatte fallen sehen.
Und tatsächlich, da lag es auch! Ein riesiges, knochenartiges Ding mit vielen weißgespitzten Enden: die Krone!
Des Igels Herz fing an zu klopfen, als er diesen wertvollen Schmuck am Boden liegen sah.
"Herr Hirsch! Herr Hirsch!" schrie er so laut, wie er nur konnte und machte sogar einen Trichter vor seinen Mund. "Hallo, Herr Hirsch! Sie haben etwas verloren. Hallo! Kommen Sie doch zurück!"
Es kam aber niemand, außer einer neugierigen Elster.
"Hallo, Frau Elster, schauen Sie mal", redete sie der Igel an, "der Waldherr war eben da, der Hirsch! Und er hat seine Krone verloren! Man sollte ihm nachlaufen, meinen Sie nicht?"
"Mich geht das nichts an", sagte die Elster und flog davon.
Der Igel kratzte sich den Kopf und überlegte. Dann ging er nach Hause.
"Hör mal", sagte er zur Igelin, "der Hirsch hat seine Krone verloren."
"Seine Krone?" - die Igelin machte große Augen.
"Ja, seine Krone."
"Komisch."
Der Igel überlegte noch eine Weile, ob er es sagen sollte oder nicht. Und dann sagte er:
"Ich meine nämlich, man müsste das Ding irgendwie von dort wegbringen. Bis er es abholt, meine ich. Es ist auf keinen Fall gut so, wie es dort liegt, mitten auf dem Weg. Jemand könnte sich das Bein brechen oder dergleichen.
Es ist ein gefährliches Ding, so mit diesen Spitzen, meine ich..."
"Und ich meine, du solltest dir deine Füße abputzen, bevor du in die Wohnung hinein kommst", sagte die Igelin, "mit dem Ding da draußen, das wird schon werden."
Die Sonne ging unter. Es wurde Abend. Man konnte nichts mehr anfangen. Bevor es ganz dunkel wurde, sah der Igel noch aus seinem Fenster, wie Langschnabel, die Schnepfe, auf ihrem Abendspaziergangfluge dreimal neugierig über dem Ding kreiste.
,Der Waldherr hat es verloren", rief er Langschnabel zu, "den Hirsch meine ich, der oben im Tannenwalde wohnt! Es ist doch seine Krone!"
Langschnabel knurrte etwas und flog davon. Es war schon ziemlich dunkel geworden, und die guten Engel dort droben fingen an, die Sterne am Himmelsdach aufzuhängen. Damit die Eulen und die Fledermäuse auch etwas sehen können und sich nicht an den Bäumen anschlagen.
Der Igel ging schlafen. Aber bevor er einschlief, dachte er noch nach.
"Drollig muss es sein", sagte er plötzlich, "wenn man so etwas auf dem Kopf hat, so oben auf dem Kopf..."
Die Igelin drehte sich unter der Moosdecke um. Sie war schläfrig.
"Was meinst du damit?" fragte sie halb im Schlafe.
"Das Ding da draußen", sagte der Igel.
"Ach, lass mich doch in Ruhe damit!"
Und dann war wieder alles still.
Aber am nächsten Tage, sofort nach dem Frühstück, ging der Igel wieder los. Als er zur Stelle kam, waren schon mehrere Tiere dort beisammen. Eine dickbauchige Waldmaus, eine Schwarzamsel und eine alte dicke Kröte.
"Guten Morgen", grüßte der Igel, "na, was sagt Ihr zu der Sache?"
"Ziemlich unangenehm", sagte die Waldmaus, "ich muss trockenes Gras heimfahren, um die Wiegen auszubessern, und das Ding hier steht gerade mitten auf dem Wege und will nicht weiter."
"Ich finde es unverschämt", sagte die Kröte, "so etwas gerade quer über den Weg zu stellen, Ich muss zu dem sonnigen Stein da und kann nicht weiter kommen. Ich finde es unverschämt!"
"Ja, es ist nun einmal da", sagte der Igel denklich und wandte sich zu der Amsel, "und was sagen Sie dazu?"
"Nichts", sagte die Amsel, "gar nichts. Ich pfeife darauf. Ich kann fliegen, also pfeife ich darauf."
"Auch ein Standpunkt", meinte der Igel, "aber man sollte doch dem Hirsch Bescheid sagen, dass das Ding hier liegt. Er sucht es wahrscheinlich schon. Meinen Sie nicht?"
"Ich pfeife darauf", wiederholte die Amsel und sprang auf einen Ast.
"Mich geht der Hirsch nichts an", sagte die dickbauchige Waldmaus, "es ist mir gleichgültig, ob er es sucht oder nicht. Aber ich muss immer um das Ding da herumgehen, und das ist sehr ermüdend."
"Und ich kann nicht durch", klagte die Kröte.
"Ja, warum tut ihr das Ding da nicht beiseite?" fragte die Amsel von oben.
"Ja, das ist uns noch nicht eingefallen", gab die Waldmaus zu.
Und sie machten sich daran. Die Waldmaus packte das Ding, der Igel packte es auch. Die Kröte auch. Aber das Ding rührte sich nicht.
"Mir scheint, es muss ziemlich schwer sein, das Ding da", meinte der Igel und sah zur Amsel hinauf. "Sie könnten aber auch helfen, Fräulein!"
"Ich pfeife darauf, sagte ich schon!" antwortete die Amsel, "und außerdem habe ich zu tun. Ich muss den Elfen melden, dass ein neues Schneeglöckchen über Nacht herausgekrochen ist, dort unten."
Und damit flog sie fort.
Es war nichts zu machen. Das Ding war viel zu schwer, man musste es da lassen, so wie es war. Der Igel und die Waldmaus packten noch die Kröte - weil sie schon alt war und es sich schickt, den alten Leuten zu helfen -, also sie packten sie und schoben sie hinüber. Es ging gar nicht so leicht, weil die Kröte eine dicke und schwere alte Kröte war. Es kostete Mühe und Zeit. Aber es gelang doch. Dann gingen alle nach Hause.
Am nächsten Tage ging der Igel wieder hinaus. Er legte sich nieder - auf ein ganz kleines, warmes Sonnenplätzchen dicht neben dem Ding -, um über ,die Sache nachzudenken, was da eigentlich zu tun sei, wenn man das Richtige tun wolle.
Es war ein ganz seltener Frühlingsvormittag. Die Meisenfamilie arbeitete flink und lustig auf den Zweigen herum. Auch ein kleines träumerisches Windchen zögerte vorbei und trug auf seinem Rücken süße Birkendüfte. Auf einer langen dünnen Buche saß Knorr, der Rabe, und besserte sein Nest aus. Im Schatten des Tannendickichts kicherten die Wichtel. Sie suchten Frühlingsblüten für die goldhaarigen Elfen.
Ja, es war ein wunderbarer Tag. Die Luft war schwer von unbekannten Düften. Knospen platzten überall auf. Süße Säfte strömten unter der Rinde der Bäume. Die Erde bebte leise von der Bewegung der tausend kleinen Keime, die unter dem Laubwerke nach Leben atmeten.
Ein schläfriger Brummer durchsummte die Luft. Und das war schon der Frühling selber.
"Guten Tag", grüßte der Brummer.
"Guten Tag", grüßte der Igel zurück.
"Gibt es hier Haselbüsche?" fragte der Brummer voll Interesse.
"Nein. Jedenfalls nicht dass ich wüsste", antwortete der Igel.
"Da unten sind viele", erzählte der Brummer, "und sie blühen schon."
"Donnerwetter!" freute sich der Igel, "das ist ja herrlich!"
"Ja, ja, das ist wirklich herrlich!" sagte der Brummer und flog weiter.
Später kehrte auch der Igel nach Hause zurück.
"Die Haselbüsche blühen da unten", berichtete er, "und ich gehe morgen in den Tannenwald hinauf, wo der Waldherr wohnt, der Hirsch. Er soll nämlich endlich erfahren, dass sein Ding hier liegt."
Die Igelin machte jetzt wirklich ganz große Augen.
"Bist du närrisch?" fragte sie ohne jeden Respekt. "Es ist doch noch kalt da oben!"
Also musste man warten. Aber der Frühling kam jetzt rasch. Erst wurden die Weiden grün, dann die Holunderbüsche. Der Waldboden wurde in einer Nacht von tausend Schneeglöckchen weiß. Sogar die kleinen blauen Wildhyazinthen steckten lächelnd ihre Köpfe hervor.
Als auch die Buche grün wurde und die Turteltauben übers Meer kamen und ihre Nester darin
bauten, da sagte der Igel:
"Also, jetzt geh' ich doch los. Später kommt die Maikäferernte und dann habe ich zu tun. Und der Hirsch da oben, der müsste nun endlich auch schon erfahren, wo sein Ding steckt."
Und der Igel ging los. Er ging bergauf. Immer bergauf. Er ging und ging und ging. Gegen Mittag traf er Langohr, den Hasen.
"Grüß Gott."
"Grüß Gott."
"Weißt du vielleicht, wo der Hirsch wohnt?" fagte der Igel.
"Freilich", antwortete der Hase, "da oben im Tannenwalde."
"Ist es noch weit?"
"Oh nein. Man läuft höchstens eine Stunde."
"Danke sehr", sagte der Igel zufrieden.
"Bitte sehr", sagte der Hase,
"Grüß Gott."
"Grüß Gott."
Und er ging weiter. Und er ging und ging. Immer bergauf, immer bergauf. Es wurde Abend. Dann dachte er: Ich muss doch schon eine Stunde gelaufen sein! Also müsste doch auch der Hirsch hier in der Nähe wohnen!
Er war aber müde geworden und darum setzte er sich auf einen Stein und fing an zu essen.
Als es schon ganz dunkel wurde, kam der Nachtfalke vorbei.
"Hallo", redete ihn der Igel an, "könnten Sie mir bitte sagen, wo der Hirsch wohnt?"
"Ich kenne diesen Herrn nicht", antwortete der Nachtfalke, "wahrscheinlich ist er kein Nachtvogel."
Und damit flog er weiter.
Es wurde ganz finster. Der Igel legte sich nieder und schlief ein.
Am nächsten Tage, als er erwachte, sah er ein Haselhuhn.
"Guten Morgen!"
"Guten Morgen", grüßte das Haselhuhn freundlich zurück.
"Wohnt der Hirsch hier?" fragte der Igel.
"Na, ja", sagte das Haselhuhn, "noch etwas höher hinauf, aber ganz in der Nähe. Fünf Minuten, wenn man gut fliegt."
"Oh, wie schön", freute sich der Igel, "also danke sehr."
"Bitte sehr."
"Grüß Gott."
"Grüß Gott."
Und er ging weiter. Wieder bergauf, immer nur bergauf. Er ging und ging und ging. Gegen Mittag wurde er doch wieder etwas besorgt.
"Die fünf Minuten müssen doch längst um sein", meinte er und blieb stehen.
Da sah er eine Schnecke. Eine schöne, schwarze Schnecke. Er ging zu ihr hinüber.
"Guten Tag", grüßte er sie freundlich.
"Guten Tag", grüßte die Schnecke ebenso freundlich.
"Könnten Sie mir bitte sagen, wo der Hirsch wohnt?" fragte er sehr höflich. "Es soll hier irgendwo in der Nähe sein."
"Oh, Sie irren sich, mein Herr", antwortete die Schnecke ebenso höflich, "der Hirsch wohnt sehr weit von hier!"
"Wieso?" fragte er betroffen.
"Oh", sagte die Schnecke, "wenn man tüchtig geht, läuft man noch wenigstens zehn Tage bis dahin!"
"Du liebe Zeit!" erschrak der Igel, "so weit noch?"
"Ja, so weit", antwortete die schöne schwarze Schnecke, "das ist nun einmal so."
"Ja, das ist nun einmal so", ergab sich traurig der Igel in sein Los, "also auf Wiedersehen."
"Auf Wiedersehen, mein Herr."
Betrübt wanderte der Igel weiter. Kaum war er ein paar Minuten gegangen, da sah er plötzlich den Hirsch unter einer Tanne liegen.
"Oh!" rief er voller Aufregung. "Herr Hirsch! Herr Hirsch! Grüß Gott! Gut, dass ich Sie treffe!"
"Grüß Gott", sagte der Hirsch erstaunt, "wieso?"
"Ja", sagte der Igel, "ich habe mir eine große Reise damit erspart. Ich wollte Sie nämlich eben besuchen!"
"Mich?" wunderte sich der Hirsch. "Dazu brauchen Sie aber doch nirgends hin zu reisen. Ich wohne doch hier."
Hier?" wunderte sich jetzt der Igel. "Ich dachte, es wäre irgendwo weit fort von hier... nämlich die Schnecke..."
"Ja, die Leute reden manchmal Unsinn", unterbrach ihn der Hirsch, "sowas ist mir auch schon vorgekommen."
"Ja, das ist dumm, dass die Leute so viel Unsinn reden", sagte der Igel und. setzte sich auf einen Stein, "aber ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, dass Sie jenes Ding da, von Ihrem Kopfe, bei uns verloren haben."
"Sie meinen mein Geweih?" staunte der Hirsch.
"Ja, ja. So etwas Schweres und mit vielen Ästen. Was Sie auf Ihrem Kopf trugen."
"Oh, das ist wirklich schön, dass Sie es gefunden haben", freute sich der Hirsch, "es fehlt mir schon sehr. Und ich hatte keine Ahnung, aber auch keine Ahnung, wo es geblieben sein konnte!"
"Ja, es liegt dort unten", sagte der Igel, "und gerade quer über dem Weg. Und das ist für manche sehr unangenehm."
"Kann ich mir denken", sagte der Hirsch nachdenklich, "und ich bin wirklich sehr dankbar, dass Sie sich meinetwegen bemüht haben. Wenn Sie meinen, können wir gehen."
"Ja, wir können gehen", antwortete der Igel, "aber nehmen Sie sich etwas Proviant mit."
"Na", entgegnete der Hirsch, "ich glaube nicht, dass das nötig ist!"
"Doch, doch. Ich bin zwei Tage lang unterwegs gewesen", erwiderte der Igel, "es ist ja ziemlich weit bis dort unten, wo ich wohne."
"Na, wir werden schon sehen", sagte der Hirsch.
Und sie gingen los. Der Hirsch machte ein paar Schritte, aber der Igel fing sofort ah zu schreien:
"Hallo! Herr Hirsch! Hören Sie doch! Das geht so nicht."
"Wieso geht es nicht?" wunderte sich der Hirsch.
"Sie laufen ja viel zu schnell!"
"Ich?" staunte der Hirsch. "Ich laufe ja gar nicht!"
"Das ist egal", keuchte der Igel. "Aber ich kann nicht nachkommen."
"Ach so", sagte der Hirsch, "daran hab' ich gar nicht gedacht. Es tut mir leid. Also gehen Sie voran."
Der Igel ging vor. Der Hirsch schaute auf ihn herab und schüttelte den Kopf:
"Nein, so geht es auch nicht. Solche kleinen Schritte kann ich ja gar nicht machen."
Und sie standen verzweifelt nebeneinander.
"Wie wäre es", fragte plötzlich der Hirsch, "wie wäre es, wenn Sie sich auf meinen Rücken setzten?"
"Es wäre ganz lustig", sagte der Igel.
"Also probieren wir's", sagte der Hirsch und legte sich nieder.
Der Igel kroch auf seinen Rücken.
"Sind Sie oben?" fragte der Hirsch.
"Ja."
"Dann steh' ich auf."
Und er stand auf und ging langsam vom Tannenwald zum Buchenwald hinunter. Bevor die Sonne sank, waren sie an Ort und Stelle.
"Es ist merkwürdig", meinte der Igel auf dem Rücken des Hirsches, "es ist Wirklich merkwürdig, dass die Entfernungen für einen jeden verschieden sind."
"Ja, das ist wirklich merkwürdig", meinte auch der Hirsch, aber das ist nun einmal so."
"Übrigens, da liegt ja das Ding", sagte der Igel und kroch herunter.
"Oh, da ist es ja wirklich", freute sich der Hirsch und nahm es und stellte es auf seinen Kopf zurück.
"Entschuldigen Sie. Sitzt es richtig so?" fragte. er nachher. "Hier ist scheint's kein Wasser, in dem ich mich spiegeln kann."
Der Igel spazierte rings um den Hirsch herum und betrachtete ihn von allen Seiten.
"Ja", sagte er, "es sitzt wirklich richtig. Aber sagen Sie mir ganz ehrlich, ist es nicht sehr unbequem, das große Ding da oben? Ich kann es mir nämlich nicht vorstellen."
"Unbequem?" staunte der Hirsch. "Wieso, das gehört doch dahin."
"Ach so."
"Also nochmals vielen Dank", sagte der Hirsch.
"Keine Ursache", antwortete der Igel bescheiden.
"Doch, doch", entgegnete der Hirsch, "es war. sehr liebenswürdig von Ihnen. Also nochma1s recht vielen Dank. Und auf Wiedersehen."
"Auf Wiedersehen", sagte der Igel.
Und, der Hirsch ging den Berg hinauf, dem Tannenwalde zu. Und der Igel ging nach Hause.
"Na, da bist du ja!" freute sich die Igelin,
"Hast du die Sache endlich erledigt?"
"Ja, ja", sagte der Igel, "das Ding ist weg."
"Na, Gott sei Dank", atmete die Igelin laut
auf, "jetzt mach' aber, dass du ins Bett kommst! Morgen müssen wir früh aufstehen. Die Maikäfer sind nämlich schon da!"
Und richtig: in der lauwarmen Frühlingsdämmerung hörte man rings herum das schläfrige Summen der Maikäfer. Ringsherum, überall. Es war wirklich ein herrlicher Frühlingsabend dort im Buchenwalde.
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