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Die Welt ist schön! Märchen vom Wald - Graf A.W. von Czege

Was der Vater seinem Kinde sagt  -   Der Wald  -   Der alte Pilzmacher  -   Vom kleinen grauen Hasen  -   Bulambukk  -   Vom Hirsch, der seine Krone verlor  -   Von den Schmetterlingen  -   Bonifaz, der Osterhase  -   Das Märchen von den blauen Bergen  -   Der Eichelhäher und das Reh  -   Maiglöckchens Traum  -   Goldvogel

Goldvogel

Und jetzt mein Sohn, bevor der Abend in die Nacht übergeht und wir einander gute Nacht sagen, erzähle ich dir noch ein letztes Märchen. Es ist nicht einmal ein Märchen: es ist eine wahre Geschichte. So wie alles, was ich dir bisher erzählte, keine Märchen waren, sondern wahre Geschichten. Es ist wirklich wahr, dass der Wald lebt; es leben die Bäume und die Blumen, und die Tiere können sprechen, und die Wichtel lehren sie nützliche Dinge. Es ist wirklich wahr, dass im Flechtenbart des alten Geists der Stille winzige kleine Schnecken herumkriechen, und auch die Engelslichtung kannst du finden, irgendwo in den Wäldern verborgen. Und nun höre noch einmal gut her!

Es war einmal vor langen Zeiten ein kleiner Junge. Er lebte irgendwo weit im Osten mitten unter den Wäldern. In einem kleinen Ländchen, von dem heute schon niemand mehr etwas weiß, dessen Name Transsylvania war.

Dieser kleine Junge wohnte im Walde in einem kleinen Häuschen mit seinen Eltern zusammen. Der Wald lehrte ihn sehen, hören und fühlen. Seine Spielgefährten waren die Rehe und jungen Hasen. Seine Freunde die Bäume, Schmetterlinge, Elfen und Wichtel.

Er war ein Mensch mit einem offenen Herzen. Er verstand die Sprache der Bäume, das Plätschern des Bachs. Zeitweise ging er hinüber auf die Engelslichtung, und die Engel füllten sein Herz mit Liebe, Frieden, Güte und all den Schätzen, die der Gute .Gott den Menschen geschenkt hat.

Als die Zeit verging, wurde aus dem kleinen Jungen langsam ein großer Junge. Und dann kamen die Sammler-Menschen, um ihn mitzunehmen, damit er für sie arbeite. Die Allesverderber-Menschen ergriffen ihn und fesselten ihn mit unsichtbaren Ketten. Sie schleppten ihn weit fort zwischen die Steinhäuser der großen Städte und gaben ihn nicht mehr frei.

Jedoch der Wald wartete auf ihn. Es warteten die Bäume, die Rehe und die Schmetterlinge. Das Echo, der Bach und der Geist der Stille. Es warteten die Wichtel und die Blumenelfen. Die Vögel. Sie alle warteten auf seine Rückkehr.

Aber er kam nicht.

Die Zeit verging. Das Laub der Bäume wurde grün und fiel wieder ab. Blumen blühten und welkten. Zugvögel kamen, Zugvögel gingen..., doch der Knabe kam nicht mehr zurück.

Als schon viel Zeit vergangen war und die Bäume wieder einmal grünten, auf den Wiesen sich die Schmetterlinge jagten und das Echo im blauen Kleide auf dem Felsen saß und mit den Vögeln um die Wette sang, da entschloss sich der Wald, ihm eine Botschaft zu senden.

Er rief seinen kleinsten Diener, das tannenduftende Waldlüftchen, herbei und sagte zu ihm:

"Geh und suche meinen Freund! Geh durch alle Täler und alle Steinhäuser der Menschen, die sie erbauten. Und sage ihm: Der Wald lasse ihm sagen, dass die Bäume mit kühlem Schatten auf ihn warten, die Blumen sammeln ihre Düfte für ihn. Für ihn lernen die Vögel ihre Lieder. Der Bach möchte ihm seine alten Geschichten zuplätschern. Die Rehe und Häslein rufen ihn. Sein Kommen erwartet die Waldschneise, dass sie sich unter seinen Füßen glätte. Sag ihm, er soll kommen, soll sich eilen. Wir erwarten ihn. Der Wald schickt nach ihm."

Das Lüftchen wirbelte auf und flog davon.

Der Wald aber bereitete sich zu dem Empfang des jungen Mannes vor. Er wusch mit frischem Regenguss die Blätter der Bäume rein. Er schmückte die Blumen. Die Vögel übten ihre schönsten Lieder. Die Schneise bedeckte sich mit einem Moosteppich, frisch gewaschenem Grün. Das Reh führte seine Jungen hinunter auf die Felder, damit sie schon von weitem sein Kommen bemerken sollten.

So verging ein Tag. Auch ein zweiter. Ein dritter. Der Wald wartete. Am vierten Tage kehrte das Lüftchen zurück. Es war müde und staubig.

"Hast du ihn gefunden?" frugen gespannt die Bäume.

Und das Lüftchen erwiderte:

"Ja, ich habe ihn gefunden. In einem Meer von staubigen und schmutzigen Steinhäusern. Müde und traurig."

"Kommt er?" fragten alle erregt

Das Lüftchen seufzte:

"Er kann nicht kommen. Mit unsichtbaren Ketten sind seine Glieder gefesselt. Er kann nicht kommen."

Alle hörten sie das Wort des Waldlüftchens. Der ganze Wald. Die Bäume senkten traurig ihre Zweige. Der Bach fing an zu weinen. Die Blumen erblassten. Der Geist der Stille seufzte.

Am ändern Tage sandte der Wald das kleine krause weiße Wölkchen aus.

"Geh und sage, dass ich ihm Botschaft sende: er soll sich nicht von den Allesverderbern fürchten, soll nicht auf die Sachsammler hören. Er soll seine unsichtbaren Ketten zerreißen und kommen. Der Tautropfen auf den Grasspitzen wird ihm gefallen. Die Schmetterlinge haben neue Tänze eingelernt. Sage ihm, dass er kommen soll. Bald. Die Schatten sind kühl und duftend der Rasen. Glockenblumen läuten den Abend ein. Das Leben ist schön. Geh!"

Die Wolke flog davon. Und die Tage vergingen.

Nach .langer Zeit kam sie zurück. Zerfetzt, zerlumpt, grau. Und sagte:

"Sein Herz blutete, als er mich erkannte, und in seinen Augen standen Tränen. Aber die Ketten sind mit einem bösen Zauber um ihn gelegt, und er kann sich nicht von ihnen freimachen. Er kann nicht kommen, so sagt er. Er lebt in einem rußigen, schmutzigen Steinmeer."

Und damit fing die Wolke zu weinen an, und es weinten die Bäume, Blumen und Wiesen. Die Vögel verstummten, und das Reh führte kummervoll seine Jungen in das dichteste Dickicht hinein.

Da rief der gute Geist des Waldes, dort droben auf der Engelslichtung, dreimal in den Wald hinein, und ein reingoldener Vogel kam angeflogen. Er setzte sich auf die Hand des guten Waldgeistes und dieser sprach zu ihm:

"So geh denn du! Löse den bösen Zauber und führe ihn zu uns zurück."

Damit warf er ihn in die Luft.

Der Goldvogel flog davon. Vor ihm her wehte das Waldlüftchen, den Weg zu zeigen, und oben begleitete ihn die Wolke.

So kamen sie zur Stadt.

Das Lüftchen zeigte ihm das Fenster. Vor dem Fenster stand ein trauriger, kümmerlicher Straßenbaum.

Der Goldvogel flatterte auf den höchsten Gipfel des Baumes, schüttelte sein Gefieder und stieß einen frohen, hellen, Pfiff aus. Und in diesem Augenblick öffnete sich von selber das Fenster.

Der Goldvogel pfiff weiter. Er pfiff so wunderbar schön, dass der Knabe von seinem staubigen Schreibtisch aufsprang und an das Fenster lief. Und in diesem Augenblick, als er den Goldvogel erblickte, geschah ein wunderbarer Zauber an ihm: die unsichtbaren Ketten fielen von ihm ab.

Der Knabe stand wie angewurzelt am Fenster, sah auf den Goldvogel und lauschte seinem Pfeifen, Dann fing er an zu lachen. Doch aus seinen Augen quollen Tränen; langsam füllten sie das Zimmer, flössen auf die Straße hinab und wuschen das schmutzige Pflaster der Stadt rein.

Dann stieß der Goldvogel auf dem Gipfel des Baumes noch einen Pfiff aus, schüttelte sein Gefieder und flatterte hoch in die Luft. Er kreiste noch einmal und flog dann langsam gen Osten.

Der Knabe folgte ihm nach, befreit und mit jauchzendem Herzen, zurück in die alten Wälder.

So begab es sich, mein Sohn.

Du wirst sehen, auch dir wird es so ergehen. Wenn du groß wirst und die Sachsammler dich zu sich nehmen und die Allesverderber dir ihre unsichtbaren Ketten anlegen, dann wirst du eines schönen Tages wissen, dass diese Geschichte bis auf die letzte Silbe wahr ist.

Wenn du schon sehr müde sein Wirst und sehr traurig und glaubst, dass du unter dem Gewicht der unsichtbaren Ketten dich kaum mehr zu rühren vermagst - dann wird der Wald nach dir senden.

Zuerst schickt er dir das Waldlüftchen, das auf der Straße an dir vorbeistreift. Von seinem Tannendufte kannst du kaum noch etwas spüren, und dennoch hörst du, wie es dir ins Ohr flüstert:

"Der Wald lässt dir sagen, dass die Bäume mit kühlem Schatten auf dich warten. Die Wiesenblumen sammeln für dich ihren Duft. Der Bach möchte dir seine alten Geschichten plätschern. Die Rehe und Häschen rufen dich. Die Waldschneise erwartet dein Kommen. Eile dich, komm!"

Schmerzlich pocht darauf dein Herz. Doch du kannst nicht gehen. Die Ketten lassen dich nicht.

Dann siehst du eine Wolke, ein kleines, federzartes, weißes Wölkchen am Himmel. Und du weißt, dass der Wald dir wieder eine Botschaft sendet.

Und endlich hörst du vor deinem Fenster den Pfiff des Goldvogels.

Dein Fenster öffnet sich von selber.

Und dort sitzt er auf dem Baum und ruft dich nach Hause, der Goldvogel deiner Heimat: der Pirol.

Du fühlst, wunderbar, wie die Ketten von dir abfallen.

Und jetzt schlafe wohl, das Märchen ist aus. Auch die Bäume da draußen schlafen schon.


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