kleinsthof.de

Die Welt ist schön! Märchen vom Wald - Graf A.W. von Czege

Was der Vater seinem Kinde sagt  -   Der Wald  -   Der alte Pilzmacher  -   Vom kleinen grauen Hasen  -   Bulambukk  -   Vom Hirsch, der seine Krone verlor  -   Von den Schmetterlingen  -   Bonifaz, der Osterhase  -   Das Märchen von den blauen Bergen  -   Der Eichelhäher und das Reh  -   Maiglöckchens Traum  -   Goldvogel

Bulambukk

Was ich dir jetzt erzählen will, geschah zu der Zeit, als noch alles nagelneu war auf dieser Erde. Die Wälder, die Wiesen, die Bäume, die Tiere, alles. Und die Tiere lernten noch eben ihre Pflichten. Ein jeder nach seinem Berufe. Und um zu sehen, ob alles in Ordnung sei, ging der gute Waldgeist von einem zum anderen hin. Erst kam er zum Dachs. Er fand ihn in der Mitte eines lehmigen Hanges, wie er fleißig seinen Bau grub. Ebenso, wie er sollte.

"Nun", fragte der gute Waldgeist, "wie gefällt dir deine Arbeit?"

"Sehr gut", sagte der Dachs, "die Erde ist weich und meine Krallen sind lang und scharf."

"Also alles in Ordnung?" fragte der gute Waldgeist zufrieden.

"Nein", antwortete der Dachs, "es ist nicht alles in Ordnung."

"Wieso?" wunderte sich der Waldgeist.

"Jedes Mal, wenn ich mit meinem Bau fertig bin", beklagte sich der Dachs, "und ich will eben hineinziehen, kommt ein großes, schwarzes sechsfüßiges Hirschtier und wirft einen großen Baum gerade vor den Eingang. Und dann kann ich alles von vorne anfangen. Dieses ist schon das neunte Loch," das ich grabe." "Ja", wunderte sich der Waldgeist, "warum sagst du ihm denn nicht, dass er seine Bäume nicht dahin werfen soll, wo du. deinen Bau hasst?"

"Ach", antwortete der Dachs, "ich habe ihm das schon oft gesagt, aber umsonst. Er ist gar zu frech. Er sagt, dass er Bulambukk sei, das große, schwarze, sechsfüßige Hirschtier, das tut, was ihm gefällt."

"Ich werde schon nachschauen", versprach der gute Waldgeist und ging damit weiter. Er kam zu dem Reh. "Wie gefällt dir deine Arbeit?" "Sehr gut", antwortete das Reh, "ich äse und trinke und dann lege ich mich nieder. Dann äse ich wieder und dann trinke ich wieder. Und 'es ist sehr gut so." "Also alles in Ordnung?"

"Nein", sagte das Reh, "ganz in Ordnung ist es doch nicht. Jeden Morgen kommt ein großes, schwarzes, sechsfüßiges Hirschtier, badet sich im Sumpfe und wälzt sich nachher in meinem Grase. So, dass es ganz schlammig wird und ich kaum etwas für mich finde."

"Ja warum sagst du ihm nicht, dass es weiter gehen soll mit seiner Wälzerei?"

"Ich habe es ihm doch gesagt", meinte das Reh, "aber er antwortete darauf, dass er Bulambukk sei, das große, schwarze, sechsfüßige Hirschtier, das tut, was ihm gefällt."

"Na, ich werde schon sehen", murmelte der gute Waldgeist etwas verärgert und ging weiter.

Er traf das Wildschwein. Und fragte:

"Gefällt dir deine Arbeit?"

"Und wie!" antwortete das Wildschwein, ,,der Boden ist weich und ich kann ihn gut aufwühlen. Die Eicheln schmecken prächtig. Nur "Was denn nur?" runzelte der gute Waldgeist seine Stirn.

"Nun", erzählte das Wildschwein, "es ist so: jeden Vormittag kommt ein großes, schwarzes, sechsfüßiges Hirschtier und fängt an unter den Bäumen zu tanzen. Eben da, wo meine Eicheln sind. Es tanzt, bis die Erde so fest getrampelt ist, dass ich sie nicht mehr aufwühlen kann."

"Zum Donnerwetter!" rief der gute Waldgeist, "warum sagst du ihm nicht, dass er weiter gehen soll mit seiner Tramplerei?"

"Ich habe es ihm ja schon gesagt", grunzte das Wildschwein.

"Na und?"

"Er antwortete frech und unverschämt, dass er Bulambukk sei, das große, schwarze, sechsfüßige Hirschtier, das macht, was ihm gefällt." "Da werde ich doch wirklich nach dem Rechten sehen müssen", sagte der gute Waldgeist, jetzt schon sehr verärgert, und ging weiter. Und so suchte er alle Tiere auf. Alle waren mit ihrer Arbeit sehr zufrieden, aber alle hatten auch eine Klage .Und jede Klage richtete sich gegen einen gewissen Bulambukk, ein großes, schwarzes, sechsfüßiges und ungemein freches Hirschtier, das tue, was ihm gefiele. Der gute Waldgeist ärgerte sich nun ganz ungeheuer.

"Wo ist denn dieses ungezogene Hirschtier?" fragte er endlich.

"Immer dort, wo es ihm eben zu sein beliebt", antworteten die Tiere, "jetzt wird es wohl gerade beim Felsen sein."

Der gute Waldgeist machte sich auf den Weg zu den Felsen hin. Kaum ging er eine Weile, da traf er auf den alten Geist der Stille. Der sah sehr verärgert aus. Sein Nebelumhang hing ihm zerschlissen von den Schultern, und die winzigen kleinen Schnecken hatten Mühe, sich an seinem Barte festzuklammern.

"Was ist mit dir geschehen, Alter?" fragte der gute Waldgeist. "Wohin eilst du?"

"Frage nicht", murrte der Alte, "irgend so ein großes, schwarzes, sechsfüßiges Hirschtier tobt da oben auf dem Felsen. Es schlägt einen Lärm, dass man es nicht aushaken kann."

"Diesen Schlingel suche ich gerade", sagte der gute Waldgeist und eilte weiter, auf den Felsen zu.

Von dort ertönte ein Höllenlärm. Riesengroße Steine polterten den Hang hinab, verletzten die Bäume und fielen klatschend in das Wasser des wehklagenden Baches hinein. Das Echo saß auf seinem Felsen und raufte sich die Haare und weinte, und unten saß ärgerlich der Bär und rieb sich die Wassertropfen aus den Augen.

"Ums Himmels willen, was ist denn hier los?" fragte der Waldgeist empört.

"Irgend so ein großes, schwarzes, sechsfüßiges Hirschtier wütet dort oben", brummte der Bär, "nicht genug, dass er die Bäume verletzt, den Geist der Stille vertreibt und das Echo närrisch macht, er bewirft auch den Bach mit Steinen, so dass meine Augen voll Wasser werden. Ich kann nur sagen, das ist ein ganz ungeschliffener Bursche dort oben."

"Na, den will ich mir ansehen", sagte der Waldgeist und kletterte auf die Felsen hinauf.

Und tatsächlich: da oben stand ein riesiges, schwarzes, sechsfüßiges Hirschtier und warf mit Felsblöcken um sich.

"He! Was treibst du denn da?" herrschte ihn streng der Waldgeist an.

"He? Wie?" antwortete das Hirschtier frech.

Ich spiele, wie du siehst. Ich spiele, weiter nichts"

"Und wer hat dir erlaubt, etwas zu spielen, wodurch andere Schaden leiden?"

"Wie?" richtete sich das große, schwarze, sechsfüßige Hirschtier dort oben auf den Felsen frech in die Höhe und war dabei schrecklich dumm und schrecklich unerzogen. "Wer? Niemand. Ich bin Bulambukk, das schwarze, sechsfüßige Hirschtier, und tue, was mir gefällt." Damit warf er weiter mit den Felsblöcken um sich. "So, du bist das, dieser Bulambukk", sagte ärgerlich der Waldgeist, "der nichts anderes tut als Dummheiten. Was ist das für ein Unfug, den du da jetzt treibst? Du machst lauter Sachen, die für andere unangenehm sind. Findest du das in Ordnung?"

"Natürlich", antwortete Bulambukk, "das ist alles ganz in Ordnung. Es ist alles sehr schön und sehr angenehm und sehr klug, was ich tue. Und wenn die Leute damit nicht zufrieden sind, sollen sie sich einen anderen Wald suchen!"

Und er spielte mit den riesigen Felsblöcken weiter.

Der gute Waldgeist ärgerte sich und sprach kein Wort mehr. Er begann nur zu zaubern. Es war ein wirklich ernster und großer Zauber, und er dauerte ziemlich lange. Und Bulambukk, das große, schwarze, sechsfüßige und ungezogene Hirschtier spielte unterdessen mit den Felsbrocken, als ob ihm allein die Welt gehöre. Es kümmerte sich gar nicht darum, dass dem Bären dort unten das Wasser in die Augen gespritzt wurde, das Echo kreischend auf und nieder rannte, der Bach weinte und die Bäume vor Schmerz stöhnten. Es kümmerte sich um alles nicht. Weil es eben Bulambukk war, das große, schwarze, sechsfüßige und ungezogene Hirschtier, das tat, was ihm gefiel.

Indessen machte der gute Waldgeist seinen Zauber, der wohl langsam wirkte, aber echt und groß war, weil er bestrafen sollte. Und auf einmal fing Bulambukk an zusammenzuschrumpfen. Er wurde kleiner und immer kleiner ... kleiner und immer kleiner ..., bis er endlich nur noch so winzig war wie mein Daumen. Er staunte: "Was ist denn das? Sind die Steine gewachsen? Sind die Bäume gewachsen?"

Der Waldgeist, der da stand und den Zauber machte, sah auf das kleine schwarze Hirschtier hinab und lachte. "Da gibt es gar nichts zu lachen", schlug dieses erbost mit den Hörnern um sich, "das ist gar nicht gut so. Die Steine sind gewachsen, dass ich sie nicht mehr werfen kann. Die Bäume sind gewachsen, dass ich sie nicht mehr ausreißen kann. Überhaupt, alles ist gewachsen. Aber ich bin doch Bulambukk, das große, schwarze, sechsfüßige Hirschtier, und will machen, was mir gefällt!"

Der gute Waldgeist aber nahm das kleine, schwarze, sechsfüßige Hirschtier vom Boden auf und sagte zu ihm: "Du irrst dich, mein Freund. Denn du bist nun gar nicht mehr Bulambukk, das große, schwarze, sechsfüßige Hirschtier, sondern Bulambukk, das kleine, schwarze, sechsfüßige, aber immer noch recht ungezogene Hirschtierchen. Und es wird gut sein, wenn du dich von nun an ganz einfach Hirschkäfer nennst. Und tu, was dir gefällt, denn jetzt kannst du niemandem mehr schaden."

Und damit setzte er ihn auf einen winzigen Stein.

"O weh!" schrie Bulambukk entsetzt, "o weh! Das kann doch so nicht bleiben!"

"Warum denn nicht?" fragte der Waldgeist.

"Unerhört", weinte Bulambukk auf dem winzigen Steinchen, "wohin soll ich gehen und was soll ich jetzt anfangen? Wenn ich einen ganzen Tag wandern würde, käme ich immer noch nicht so weit, wie ich früher mit einem Schritt gekommen bin. Ich muss ja Hungers sterben!"

Der gute Waldgeist lachte. Und weil er eben der gute Waldgeist war, nahm er Bulambukk auf seine Handfläche und sagte zu ihm:

"Hör zu. Ich könnte dich jetzt wohl deinem Schicksal überlassen, dass du weiter machst, was dir gefällt. Denn du bist nicht mehr imstande, Dummheiten zu begehen, von denen andere Schaden haben. Und es wäre auch eine richtige Strafe für dich. Aber ich will dir eine Beschäftigung geben, wie ein jedes ordentliche Tier auf Dieser Welt sie hat. Geh' und suche die Bäume auf, die du mit deinen Steinen verwundet hast. Heile ihre Wunden. Zur Belohnung werden dir die Bäume zu essen geben. Verstanden? Und damit du nicht soviel zu laufen brauchst, will ich dir auch noch Flügel schenken. "Damit nahm er aus seiner Tasche zwei schöne schwarze Flügel und befestigte sie dem Hirschkäfer auf dem Rücken.

"So", sagte er, "jetzt geh' deiner Beschäftigung nach."

Der aus dem großen, schwarzen, sechsfüßigen Hirschtier in einen kleinen schwarzen, sechsfüßigen Hirschkäfer verwandelte Bulambukk betrachtete seine neuen Flügel, hob und senkte sie, setzte ein paar Mal zum Fluge an, seufzte, und dann summ! stieg er in die Luft.

Und wenn du geschickt bist, findest du ihn heute noch. Irgendwo im Walde. Er heilt die Wunden der Bäume. Die Wunden, die er damals geschlagen hat. Und er hat immer noch recht viel zu tun. Doch nimm dich in acht und versuche ihn nicht zu fangen. Denn Bulambukk ist immer noch recht ungezogen. Und es kann vorkommen, dass er dich mit seinen spitzen Hörnern in die Finger zwickt.


    © Ralf & Elgin 2010  Anregungen, Kritik und Feedback sind immer willkommen bei Ralf & Elgin.
Aktuelle Aktionen:
Aktionen abonnieren
http://aktionsnetz.info