Die Welt ist schön! Märchen vom Wald - Graf A.W. von Czege
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Von den Schmetterlingen -
Bonifaz, der Osterhase -
Das Märchen von den blauen Bergen -
Der Eichelhäher und das Reh -
Maiglöckchens Traum -
Goldvogel
Das Märchen von den blauen Bergen
Von dem großen Kahlschlage aus, auf den bei Tagesanbruch die Rehe hinauskamen, konnte man weit in die Ferne sehen. Über breite, große Täler und sanft gewellte Hügelrücken bis zu den entfernten Bergen. Die Berge waren blau. Und die jungen Rehe, die Welt sehen lernten fragten ihre Mütter:
"Warum sind die Berge dort hinten blau?"
Und die Rehmütter antworteten immer das gleiche: "Weil es dort keine Wölfe gibt und keinen Fuchs, dort sind keine Hunde, keine Menschen. Ewiger Frieden herrscht und Ruhe und Stille. Auf den Wiesen wächst nur Klee, und es gibt keinen Winter. Der Wind kommt nicht dorthin und das Laub welkt nicht. Darum sind jene Berge so schön."
"Warum gehen wir denn nicht dorthin?" fragten daraufhin sämtliche kleinen Rehe, die auf dem Kahlschlage die Welt sehen lernten. Und alle Rehmütter, die je Junge aufgezogen hatten, antworteten: "Es geht nicht, mein Kind. Es geht nicht." Und sie seufzten dazu mit sehnsüchtiger Traurigkeit, wie nur Rehe seufzen können.
Der größte Teil der Rehjungen fragte nicht weiter. Sie gaben sich damit zufrieden. Sie waren Rehe, und es ist das Geschick der Rehe, sich zufrieden zu geben. Doch immer fand sich eines, das noch mehr wissen wollte. Alle Jahre war ein solches unter den Rehjungen des großen Kahlschlages, welches seinen langen dünnen Hals noch weiter vorstreckte, seine beiden neugierigen Augen weit aufriss und fragte:
"Warum geht es nicht?"
Dann klappte jedes Mal die Rehmutter, die so ein neugieriges Junges besaß, empört die Ohren nach hinten und sagte:
"Es geht nicht. Man kann nicht bis dorthin gehen."
Und trommelte dazu ungeduldig mit den Füßen.
Das Rehjunge, das sich auch mit dieser Antwort nicht zufrieden gab, so eines gab es höchstens nur einmal in jedem Jahre auf dem großen Kahlschlage, fragte dann:
"Woher weiß man denn, was dort ist? Wenn man nicht dorthin gehen kann?"
Darauf antwortete die Rehmutter, an die diese Frage gerichtet war, ernsthaft und mit sehr geheimnisvoller Miene nur so viel:
"Unsere Vorfahren kamen von dort."
Und weiter verlor sie kein Wort mehr darüber. Wagte ihr Söhnchen sie auch dann noch weiter zu befragen, so stieß sie es so, dass es in die stachligen Brombeeren hineinfiel und sich zerstach.
Und weiter fragte niemand mehr nach den blauen Bergen. Ein volles Jahr. Bis wieder andere kamen, die sehen lernten. Alle Rehe sahen allmorgendlich mit träumerischen, großen Augen nach dem entfernten, blauen Märchenlande, wo lauter Klee wächst, wo es keinen Wolf und keinen Fuchs gibt, keinen Hund und keinen Menschen, keinen Wind, und wo das Laub nicht abfällt. Und im Winter, wenn brausende Ungeheuer den Schnee aufstöberten, kauerten sich die Rehe zitternd auf ihren vereisten Lagern zusammen und träumten von den weiten, blauen Bergen. Sie schlossen die Augen, um nicht das eisige Grau zu sehen, und ihre Gedanken wanderten auf die sonnigen Kleefelder, wo Ruhe ist und Frieden und Wärme, wo das Laub nicht fällt und die Rehe nicht frieren und hungern müssen.
So war es, seit Rehe in dem Walde um den großen Kahlschlag herum wohnen. Und es änderte sich seither nichts daran. Nur einmal geschah etwas.
Ein junges Reh, eines von denen, die sich nicht zufrieden geben wollten; entschloss sich, fort zu gehen und den Weg zu suchen, der zu den blauen Bergen führt. Ein ganzes Jahr bereitete es sich darauf vor. Es stählte sich. Lief weite Strecken an steilen Hängen hinauf und hinunter. Sprang über Gräben. Es kräftigte seine Muskeln für den Weg. Niemandem verriet es sein Vorhaben, nur seiner Spielgefährtin, einem anderen kleinen, jungen Reh. Als der Winter kam und sie zusammen zitternd im Schnee nach Nahrung scharrten, sagte es ermunternd:
"Ich werde den Weg schon finden und komme dann zurück, dich zu holen. Wir werden nicht mehr frieren und nicht mehr hungern. Wir werden ewig auf sonnigen Kleefeldern weiden."
Wenn sie sich vor dem Wolfe verbargen oder Jagdhunde sie hetzten, ermutigte es seine erschrockene kleine Gefährtin:
"Fürchte dich nicht, dort werden keine Gefahren mehr sein. Ich glaube daran, dass man dorthin» von wo unsere Vorfahren herkamen, auch wieder zurückgehen kann. Ich werde den Weg finden, und dann komme ich zurück, dich zu holen."
Der Winter verging. Aus dem kleinen Reh wurde ein kräftiger, junger Bock. Er warf sein graues Winterkleid ab. Sein Geweih wuchs heraus. Und an einem schönen, taufrischen Sommermorgen sprach er zu der kleinen Ricke:
"Ich gehe jetzt fort. Warte auf mich, denn ich komme zurück und hole dich und nehme dich mit mir in die blauen Berge, wo ewige Stille und Ruhe ist, wo kein Wind braust und das Laub nicht von den Bäumen fällt."
Damit ging er los. Er ging den blauen Bergen entgegen. Talab, bergauf. Talab, bergauf. Er ging und ging. Durch Wiesen und Felder, Bäche und Flüsse.
"Eines schönen Tages erreichte er einen großen Fluss. Er hielt an und sah am Ufer eine Wildkatze. Sie sonnte sich. "Guten Tag", grüßte der junge Rehbock. "Wo kann man durch dieses Wasser gehen?"
Die Wildkatze sah ihn an und staunte.
"Durch das Wasser? Dort weiter unten bei den großen Bäumen. Aber warum willst du hinüber?"
"Ich will zu den blauen Bergen", antwortete stolz der junge Rehbock.
"Zu den blauen Bergen?" wunderte sich die Wildkatze. "Welche blauen Berge?"
"Wieso? Gibt es denn mehrere davon?"
"Alle Berge sind blau", sagte die Wildkatze und gähnte.
"Das ist ein Irrtum", schüttelte der Bockt den Kopf, "der Berg, auf dem ich wohne, ist im Sommer grün und im Winter weiß."
"So? Wirklich?" staunte die Wildkatze.
"Seltsam! Ich glaubte, dass es nur bei uns so ist."
Damit dehnte sie sich und gähnte wieder.
Der Rehbock suchte die großen Bäume auf und ging dort durch den Fluss. Nach einigen
Tagen erreichte er den Fuß der Berge. Er schaute zu ihnen hinauf. Sein Herz pochte heftig.
"Da bin ich also!" dachte er. "Da bin ich also doch! Man kann also doch herkommen!"
Der Berg war unten grün. Ebenso grün, wie daheim. Es waren Buchen darauf und dazwischen Lichtungen. Doch oben, ganz oben war er wirklich blau!
Und der junge Bock fing an bergan zu steigen.
Auf den Lichtungen wuchs allerdings Gras, gewöhnliches Gras. Doch war auch vereinzelt Klee darunter. "Macht nichts", dachte er bei sich, "Hauptsache, dass es keinen Winter gibt und keine Gefahr."
Ihm gefiel es dort. Schön waren die Wälder, schön die Lichtungen. Die Quellen hatten gutes Wasser. Er wählte sich einen schönen Platz aus. Dort ließ er sich nieder. Aß, trank und ruhte.
"Ich werde mich erst gut erholen", dachte er, "dann gehe ich zurück und bringe sie auch her."
Er war glücklich. Er hätte in die Welt hineinrufen mögen: Ich habe den Weg zu den blauen Bergen gefunden! Keinen Hunger mehr! Kein Frieren mehr! Keine Gefahr mehr! Er aß, trank, ruhte. Er entzückte sich über die Erfüllung seines Traumes.
"Wie ist es möglich", grübelte er, "dass hier noch nicht sämtliche Rehe hergekommen sind? Der Weg ist gar nicht so arg schwer zu finden"
Und er sah schon das Leben vor sich, das hiernach folgen würde, in ewigem Sommer, ewigem Frieden, zwischen den märchenhaften, blauen Bergen.
Die Zeit verrann. Eines Abends beschloss er: "Morgen kehre ich zurück."
An jenem Abend entstand ein kühler Wind.. Und gegen Mitternacht fing der Regen zu gießen an. Auch am Morgen regnete es noch.
"Ich warte noch, bis das Wetter wieder schön wird", dachte er.
Und er wartete. Der Regen fiel und fiel. Feuchte Nebelfetzen hingen von den Bäumen. Grau war der Himmel und grau die Erde. Ein unfreundlicher Wind streifte durch den Wald. Alles war kalt und nass.
Der junge Rehbock wurde traurig.
"Es scheint auch hier Regen zu geben."
"Macht nichts", tröstete er sich danach, "es gibt aber keinen Winter und das ist wichtig. Und keine Gefahr."
Es regnete einige Tage. Dann eines Nachts drehte sich der Wind. Er pfiff eisig durch die Gipfel der Bäume, und am Himmel erschienen die Sterne.
"Es gibt wieder Sonnenschein", freute sich der junge Rehbock, "morgen erwärme ich mich und gehe dann los."
Am Morgen schien wirklich die Sonne. Aber das Gras knirschte, als er auf die Lichtung zum Weiden hinausging. Es war ganz weiß und knirschte seltsam.
Betroffen neigte er sich über das Gras und beroch es.
"Raureif", sagte er, "Raureif."
Und als er verstört seinen Kopf erhob, sah er eine Birke und auf der Birke einige gelbe Blätter.
Lange stand er so bewegungslos und starrte auf die gelben Blätter.
Plötzlich fühlte er einen dumpfen Schlag am Beine und in seinem Ohr hallte ein Schuss. Mit einem besinnungslosem Satze war er im Dickicht drin und rannte aufwärts. Hinter ihm kläffte mit scharfer Stimme ein Hund.
Er rannte. Mit aufgescheuchtem Entsetzen, fast schwindelnd. Irgendwo weit drinnen im Dickicht hielt er an. Er betrachtete sein Bein. Es blutete. Ein scharf er Schmerz riss an der Wunde. Mit gesenktem Kopfe stand er lange so. Dann langsam humpelnd ging er zum Bache hinunter, watete durch das Wasser und lange, lange ging er durch die Mitte des Baches aufwärts. Der Hund kläffte schon nicht mehr. Irgendwo stieg er aus dem Bache. Er schleppte sich in ein dichtes Brombeergestrüpp und legte sich nieder. Tagelang lag er bewegungslos.
Als ihn der Hunger wieder auf die Beine zwang, humpelte er umher, um sich Nahrung zu suchen. Er aß, trank und legte sich wieder nieder. Tagelang und tagelang.
Inzwischen gilbten die Blätter der Bäume ringsum, und wenn die Waldlüfte bliesen, fielen sie nieder. Die Brombeeren bekamen rote Flecken, als wenn ein unsichtbarer Verwundeter durch den Wald gegangen wäre.
Als der Bock geheilt war, trug der Wind schon Schneegeruch mit sich. Die Bäume raschelten mit ihren kahlen Ästen. Schlampige Wanderwolken scheuerten mit ihren Bäuchen die Gipfel der Berge.
Langsam ging er bergab. Als er aus dem Dickicht hinaustrat, fing der Schnee schon leise zu fallen an. Im Hochwalde rannte keuchend ein fremdes Reh an ihm vorbei.
"Lauf!" schrie es entsetzt. "Jenseits des Baches sind Wölfe!"
Eine Zeitlang lief er neben dem fremden Reh. Dann trennten sie sich.
"Wohin?" fragte ihn das fremde Reh.
"Nach Hause."
"Du bist also nicht von hier?"
"Nein."
"Kommst du weit her?"
"Ja, von weit her."
Sein Auge suchte das Weite. Und plötzlich ganz verschwommen über den Tälern und grauen Hügelketten sah er die heimatlichen Berge.
"Von dort komme ich", sagte er und zeigte dorthin.
"Von den blauen Bergen?" wunderte sich das fremde Reh.
Er starrte auf das fremde Reh, verdutzt und fast erschrocken. Dann blickte er wieder auf die entfernte Heimat. Und wirklich, blau waren die Berge. Blau.
Er nickte. "Von dort."
"Das kann ich nicht sein", schüttelte der andere den Kopf, "dort gibt es keine Rehe. Dorthin kann man nicht gehen. Einmal sind unsere Vorfahren von dort gekommen. Dort gibt es keinen Wolf und keinen Fuchs. Es gibt keine Hunde und keine Menschen. Es herrscht dort ewiger Friede, Ruhe und Stille. Auf den Wiesen gedeiht nur Klee, und es ist niemals Winter. Dort geht kein Wind und das Laub welkt nicht. Darum sind die Berge dort so blau.
Du lügst, wenn du sagst, dass du von dort kommst."
Damit wandte es sich voller Verachtung von ihm ab und sah nicht mehr zurück.
Der junge Bock stand noch eine Weile und schaute. Schaute verstört und verwundert auf die aus der Ferne auftauchenden blauen Berge. Und dann fasste ihn plötzlich eine unsagbare Sehnsucht, eine schmerzliche, traurige Sehnsucht nach dem alten Kahlschlage, den vertrauten Hochwäldern und den traulichen alten Dickichten. Nach dem Bache, in dessen glitzerndem Spiegel er zum ersten Male sein wachsendes Geweih betrachtet hatte, nach der dicht benadelten, kleinen Tanne, unter deren Schütze man sich so gut verbergen konnte.
Und langsam, humpelnd und mit gebeugtem Kopfe ging er den blauen Bergen entgegen. Der Schnee fiel jetzt schon dichter. Und als der Rehbock aus dem Walde trat, deckten die Flocken schon weiß die Felder und verdeckten im Nu auch seine Spuren, wie er heimwärts schritt.
Es war ein eisiger Winter, als er ankam. Hungrige Rehe scharrten frierend im Schnee.
Humpelnd zog er langsam zum Kahlschlage hinauf. Er war struppig und mager. Als die kleine Ricke ihn kommen sah, lief sie mit glänzenden Augen auf ihn. zu.
"Also bist du wirklich zurückgekommen, mich zu holen? Nicht wahr, wir gehen jetzt gleich? Es ist so hässlich hier, kalt und nichts zu fressen. Hast du den Weg gefunden?"
Der junge Bock blieb stehen, sah zurück auf die entfernten blauen Berge und senkte den Kopf.
"Unsere Mütter hatten recht", sagte er leise, man kann nicht dorthin gehen."
Und es schneite.
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